Klamm



München ↣ Gardasee

Tom Schilling

Alpen 2026

Für meine Mutter


Impressum

Auflage September 2026
© Tom Schilling, Dresden, Deutschland

Dieses Buch ist ein Ausdruck der Webseite
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2026 Alpenüberquerung von München zum Gardasee

L 409 km, H 24.700 m, R 25.400 m, O 2958 m, U 64 m, Z 36 Tage



Vorbereitung

Nach einem Jahr Abstinenz also wieder eine Alpenüberquerung! Auf die Route bin ich gekommen, als ich nachgesehen habe, wer mich verlinkt. Auf trekkingtrails.de finde ich eine Route von Kufstein nach Verona, die ich noch nicht kenne. Der Führer dazu von Werner Sedlak wurde 2013 letztmalig aufgelegt und ist schon lange vergriffen. Bei dem Versuch, noch ein Exemplar aufzutreiben, stolpere ich über ein weiteres Buch im gleichen Verlag, das eine Tour von München zum Gardasee beschreibt: "Alpenüberquerung, Maria & Wolfgang Rosenwirth, Athesia-Verlag". Ich erwerbe ein Restexemplar direkt von den Autoren. Diese Route will ich im Sommer 2026 gehen.

Der Führer ist ebenfalls von 2013. Damals kam es gerade erst in Mode, Wanderführern GPS-Tracks beizulegen. Das Buch enthält noch keinen. In drei Wochen akribischer Arbeit habe ich mit QMapShack die Route von den Kartenzeichnungen und Beschreibungen im Buch in einen GPX-Track übertragen. Die Wege sind noch alle in Open Street Map zu finden. Den Track habe ich gemäß meiner eigenen Richtlinien formatiert und stelle ihn hier der Allgemeinheit zur Verfügung. Für denjenigen, der eine Stückelung des Tracks in einzelne Etappen bevorzugt, habe ich darunter noch so eine Version.

Muenchen-Gardasee.gpx

Muenchen-Gardasee_Etappen.gpx

Aus der unteren Datei lassen sich einfach die Eckdaten der einzelnen Etappen ablesen. Es fällt auf, daß im Buch fast alle Entfernungen, An- und Abstiege geringer ausfallen als die aufaddierten Werte des Tracks. Das macht die Tour noch etwas anspruchsvoller als im Buch beschrieben. Die zwei sehr langen Anstiege werde ich wohl teilen müssen. Auch für den Anfang werde ich andere Etappenziele wählen, denn ich werde erst nachmittags in München ankommen und an dem Tag keine 35 Kilometer mehr schaffen. Deswegen rechne ich mit 36 Tagen Gesamtdauer, inklusive vier Ruhetagen, An- und Abfahrt.

Etappe Länge /km Aufstieg /m Abstieg /m min. Höhe /m max. Höhe /m
1 35 240 185 512 615
2 28 225 145 575 672
3 30 590 475 643 981
4 14 1620 575 761 2101
5 15 985 1180 1476 1920
6 15 1030 695 1123 1967
7 12 900 1995 831 2247
8 22 1375 440 540 1795
9 16 970 745 1792 2390
10 12 1185 900 2018 2739
11 10 770 745 2163 2568
12 18 1620 1280 2198 2959
13 12 830 1600 1896 2703
14 16 650 1600 945 1945
15 13 1700 450 942 2395
16 10 825 565 2066 2570
17 10 595 785 2159 2513
18 20 705 1995 975 2494
19 14 1105 560 975 1992
20 14 95 1340 245 1522
21 18 2455 1360 277 1849
22 28 965 1710 516 1808
23 11 1370 25 622 1970
24 20 1680 1385 1872 2450
25 17 785 2185 828 2450
26 18 1055 1670 245 1776
27 20 610 765 93 364
28 17 2150 200 83 2060
29 16 1160 1065 1395 2169
30 23 340 2290 186 2144
31 21 245 365 64 319

Die Route beginnt ähnlich wie der Traumpfad München-Venedig, von dem ich 2021 die erste Etappe nicht gelaufen war. Sie berührt den Traumpfad noch einmal zwischen Tuxer Joch Haus und Lizumer Hütte. Weil ich den Truppenübungsplatz damals umgangen hatte, kenne ich Letztere noch nicht. Schließlich benutzt in Etappe 24 die Ausweichvariante für diejenigen, die kein Klettersteigset mitnehmen (wie mich), die Bodensee-Gardasee-Route von Bettina Forst. Das Ende der Tour führt von Süden her an den Gardasee. Auch dieses Stück entlang des Gardasees bietet noch viel Neues. Die hohen Berge hatte ich 2024 gar nicht wahrgenommen. Insgesamt ist das meiste für mich erfreulicherweise Neuland.

Probleme gibt es bei den Übernachtungsmöglichkeiten außerhalb der Berghütten. Gasthöfe haben das Übernachtungsgeschäft aufgegeben, Hotels sind zu Wellness-Tempeln mutiert oder wollen keine Tagesgäste mehr. Mindest-Übernachtungsdauern von 3 Tagen werden Standard, ich habe auch schon 7 Tage gesehen. Ein weiteres Ärgernis ist, daß viele Quartiere die Preise auf der Webseite verstecken oder gleich gar keine mehr angeben. Einen Preis erfährt man erst auf dem Buchungsportal, nachdem man mühselig einen Termin und die Anzahl der Gäste eingegeben hat. Die stehlen einfach nur meine Zeit! Auch Campingplätze bieten heute meist ausschließlich Parzellen an, auf denen man Wohnmobil plus Hauszelt abstellen kann und sind entsprechend teuer. In einigen Wegpunkten des Tracks habe ich die Preise, die ich herausfinden konnte, mit angegeben. Sie gelten jeweils für 1 Person, eine Nacht. Auf jeden Fall nehme ich ein Zelt mit.

Karte der Alpenquerung mit Höhenprofil
Karte der Alpenquerung mit Höhenprofil




  Dresden ↣ Hellerschwang

K km 7, L 7 km, H 80 m, R 55 m, U 675 m, O 731 m

Auf die ersten beiden Etappen des Wanderführers verzichte ich diesmal, sonst wird mir die Tour insgesamt zu lang. Ich will von der letzten Bahnstation in Lenggries starten.

Wie bei mir, erwacht auch bei der Deutschen Bahn der Abenteuergeist. Gegenüber der Strecke, die ich mir im April angesehen hatte, sind seit gestern zwei Abschnitte mit Ersatzverkehr durch Busse hinzugekommen. Dadurch werde ich zweieinhalb Stunden später in Lenggries ankommen und die 20 Kilometer Tagespensum nicht mehr schaffen. Busse, mit denen ich die Strecke abkürzen könnte, fahren heute auch keine mehr. Ich werde irgendwo an der Isar übernachten und morgen noch ein Stück mit dem Bus fahren, damit ich nicht schon zu Beginn in Zeitverzug komme.

DB Navigator Meldung

In Obertraubing, kurz nach Regensburg bleibt der Zug stehen, weil Türen sich nicht schließen lassen. Eine Stunde lang wird gebastelt, dann fährt der Zug mit einem abgesperrten Abteil weiter. Fahrgäste meinen, man hätte irgendwie mit einem anderen Zug Richtung München Flughafen fahren können, aber es fehlt an Informationen. Die Zugbegleiter sagen nichts und in der Bahn-App tauchen auch keine Alternativen auf. Am nächsten Haltepunkt, Eggmühl, ist endgültig Schluß. Es besteht das Risiko, daß sich weitere Türen öffnen. Der Zug fährt in die Werkstatt und wir sind im Nirgendwo gestrandet. Der nächste offizielle Zug geht in einer weiteren Stunde, aber schon 10 Minuten später schaffen es die Zugbegleiter, den Alex aus Prag hier anhalten zu lassen. Wir kommen alle mit. So bleibt es in München bei einer extra Stunde Verspätung. 17:20 Uhr erreiche ich Lenggries.

Isar
Isar

Der Ort sieht sehr wohlhabend aus, voller fein herausgeputzter großer Bauernhäuser. Ein Hotel zum Einstieg will ich mir nicht leisten. Im Edeka kaufe ich noch eine kleine Flasche Wein und ein Brötchen. Dann folge ich der Variante der Etappe 3 auf dem rechten Isarufer. In Fleck komme ich das erste Mal an das Ufer der Isar. Die Uferwiesen wären ein schöner Zeltplatz, sind aber Landschaftsschutzgebiet. Ich gehe weiter einen Kanal entlang bis Hellerschwang. In einem Wäldchen zwischen Straße und Kanal entdecke ich einen geschützten Platz für mein Zelt. Mir begegnet ein Fuchs und ich binde abends die Schuhe ans Zelt.

Zelt GPS: 47.64284, 11.59122
Zelt im Wald

Zum Abendbrot gibt es mit Reis gefüllte Auberginen in Öl. Ein Gericht, das ich letztes Jahr aus der Türkei mitgebracht hatte. Sieht auf dem Bild nicht besonders appetitlich aus, war aber OK.

gefüllte Auberginen gefüllte Auberginen
Gefüllte Auberginen

  Hellerschwang ↣ Tölzer Hütte

K km 24, L 17 km, H 1420 m, R 375 m, U 697 m, O 1830 m

Weil ich ein Stück mit dem Bus fahren will, habe ich früh Zeit. Ich stehe 7:30 Uhr auf, mache Kaffee und frühstücke. Die Nacht war erholsam. Am Abend kam ein Auto den Weg entlang, am Morgen das Auto und eine Frau auf dem Moped. Sie hätten mich sehen können, weil genügend Löcher im Buschwerk waren, haben sie aber nicht. Von der Straße und dem recht nahen Haus war ich durch eine hohe Böschung getrennt. Ich hatte abends die Kinder lärmen gehört, aber nachts war es ruhig. Auch der Straßenverkehr kam in der Nacht zum Erliegen.

Von Hohenwiesen nehme ich den Bus nach Fall. Ich spare dadurch 10 Kilometer ein und könnte es heute Abend bis zur Tölzer Hütte schaffen. Dann wäre ich wieder im Plan. Der Bus kommt 10 Minuten zu spät, die richtige Zeit, um den Fahrplan nochmal genauer zu studieren. War ich wieder mal zu blöd, den Fahrplan zu lesen? Haben die Bayern einen extra Feiertag?

Forstweg
Zum Start ein einfacher Forstweg.

11 Uhr bin ich am Einstieg. Die ersten 600 Höhenmeter geht es auf einer Schotterpiste angenehm gleichmäßig ansteigend bergauf. Ich mache zwei Pausen im Schatten. Vor der Grammersbergalm treffe ich den einzigen Menschen auf dem Weg, einen Einheimischen, der mit einem Bagger am Weg baut. Nach der Alm geht es auf schmalem Weg durch eine Bergflanke. An einer Quelle tanke ich Wasser und mache danach im Schatten eine weitere Rast.

Felsband Felsband
Den Schafreuter umgehe ich rechts.

Das restliche Auf und Ab vor der Hütte schlaucht mich jetzt mehr. Die extra Anstiege auf die kleinen Gipfel am Weg schenke ich mir und auch den Weg über den Aussichtsberg Schafreuter hatte ich heute Morgen schon abgewählt. Ich gehe stattdessen drumrum und spare so 200 Höhenmeter.

Rückblick zum Sylvensteinspeicher Tölzer Hütte in der Ferne

Die Tölzer Hütte taucht links am markanten Kamm auf.

Vor der Hütte begegnen mir drei einzelne Hirsche und eine Kreuzotter sonnt sich auf dem Weg. 18:30 Uhr erreiche ich die Hütte. Das Abendessen ist schon im Gange. Ich komme im Lager unter und bekomme auch noch was zu essen. Das Bergsteigeressen ist Linsensuppe, sehr lecker! Mit Safranfäden!

Tölzer Hütte GPS: 47.50416, 11.49263
Tölzer Hütte

  Tölzer Hütte ↣ Plumsjochhütte

K km 39, L 15 km, H 985 m, R 1180 m, U 1476 m, O 1920 m

16 € für die Übernachtung ist sensationell! Möglich wurde das nur durch eine Aktion des DAV, die jedem Mitglied, das mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreist, eine Übernachtung im Lager sponsert. Auf das Frühstück verzichte ich.

Ich fühlte mich so, als hätte ich nicht geschlafen. Ich war extra der Erste im Bett, um noch vor den Schnarchern ins Reich der Träume zu entkommen. Das hat nicht geklappt. Der Mann links unter mir schnarcht manchmal vor sich hin, aber wenigstens gleichmäßig und rhythmisch, so daß ich nicht jedes Mal auf den nächsten Atemzug bangen muß oder fürchten muß, daß das sein letzter Seufzer war. Ich hätte Ohrenstöpsel einstöpseln können, aber die sprengen mir manchmal den Kopf und sind mir auf andere Weise unangenehm.

Start von der Hütte
Start von der Hütte.

Weil ich so schlapp und unausgeschlafen bin, mache ich häufig Pausen. Zu Beginn sehe ich zwei Rehe, den Weg vor mir überqueren. Der Hirte des ersten Bauernhofs fragt mich, ob ich seine Ziegen gesehen hätte. Hab ich nicht. Als Nächstes treffe ich ein Rudel Gämsen und ein einzelner Wanderer kommt mir entgegen. Er spricht deutsch mit holländischem Akzent. Das war's auch schon mit Begegnungen auf dem Weg.

Gämsen Rißtal

Der Weg verläuft hoch über dem Rißtal. Auf der anderen Talseite die Ahornböden.

Es geht meist in Hangflanken weit über dem Rißtal entlang. Die Aussicht ist klasse! Der Weg ist schmal, ausgesetzt und erfordert dauernde Aufmerksamkeit. Ich komme nur langsam voran, auch wegen der Pausen.

leichte Kletterei nur für Geuübte
Leichte Kletterei auf dem Kamm.
Wasserschöpfen Plumsjoch

Plumsjoch mit Hütte

Die Hütte erreiche ich wieder erst nach 18:30 Uhr. Ich komme in einem Zimmer mit zwei Radlern unter, von denen einer übel gestürzt ist. Er hat Schürfwunden an Hüfte, Ellenbogen und Knie und denkt trotzdem nicht ans Aufhören.

Plumsjochhütte GPS: 47.44684, 11.61608
Plumsjochhütte

Beim Abendessen treffe ich zwei Bekannte von der letzten Hütte wieder. Sie sind den gleichen Weg wie ich gegangen, haben dafür aber wesentlich weniger Zeit gebraucht. Sie müssen mich unbemerkt überholt haben, als ich Pause gemacht habe. Es gibt Gulasch mit Knödeln, aber ich bin immer noch appetitlos und schaffe meine Portion nicht.


  Plumsjochhütte ↣ Lamsenjochhütte

K km 54, L 15 km, H 1030 m, R 695 m, U 1123 m, O 1967 m

82 € ist schon eher das Niveau, an das ich mich gewöhnen muß. Ich habe wieder schlecht geschlafen, obwohl niemand geschnarcht hat. Dafür schmeckt mir das Frühstück.

Plumsjochhütte
Plumsjochhütte und Bettenhaus davor

Der Abstieg ins Rißtal geht auf breitem Schotterweg schnell voran. Den letzten Abzweig vor der Straße verpasse ich leider und muß dafür einen Kilometer länger auf Asphalt laufen. Dafür gehe ich danach den Wiesenweg am Bach entlang. Der Ahornboden ist beeindruckend, weil er so riesig und brettflach inmitten steiler Felshänge liegt. Am rappelvollen Gasthof Eng lege ich mich auf eine Bank und schreibe Blog.

großer Ahormboden
Großer Ahornboden

Auch der 700 Meter Aufstieg zur Hütte fällt mir heute leichter. Ich mache nur eine Rast im Schatten. Wie der Wanderführer prophezeit, verirrt sich kaum einer der vielen Ahornbodenbesucher auch nur bis zur Binsalm. Kurz vor der Lamsenjochhütte mache ich mir an einer kleinen Quelle noch Mal alle Wasserflaschen voll. Im Kalk haben die Hütten meist kein Trinkwasser.

Aufstieg Aufstieg
Impressionen vom Aufstieg
Lamsenjochhütte in der Ferne Pock-Quelle

Pock-Quelle

Es sitzen schon viele Menschen auf den Bänken vor der Hütte. Ich komme trotzdem im Lager unter. Man hat hier ein strenges Regime zur Bettwanzenverhinderung eingeführt. Alle Rucksäcke sollen im Trockenraum abgestellt werden und nur das Nötigste darf mit aufs Zimmer. Schlafsäcke müssen vorher in die Mikrowelle.

Lamsenjochhütte GPS: 47.38006, 11.60356
Lamsenjochhütte

Bevor ich mein Bett besichtige, setze ich mich vor die Hütte und koche mir einen Vanillepudding und einen Tee. Ich frage natürlich vorher die Bedienung, ob ich das darf, oder ob ich ihnen dadurch die Gäste verscheuche. Die Hütte hat keinen Empfang und auch kein öffentliches WLAN. Ein Mann vom Personal ist stolz auf das digitale Detox. Fehlt nur, daß sie auch dafür noch Geld nehmen! Der Ort, wo man eventuell Empfang haben könnte, ist der Hügel mit den Fahnen drauf. Ich probiere es, bekomme aber nur den Akku leergesaugt, ohne daß Daten fließen.

Puddingkocher
Puddingkocher

Zum Abendbrot nehme ich das Bergsteigeressen, diesmal Nudeln. Im Anschluß frage ich nach einer Auflademöglichkeit für das Handy. Kostet einen Euro und geht nur noch eine Stunde bis 10 Uhr, dann wird der Strom abgeschaltet. In der Zeit lädt mein 10 Wh-Akku halb voll. 200 € pro kWh ist ein Preis, den ich nicht zu zahlen bereit bin. Noch nicht. Ich hole den ersten der 4 Wechselakkus aus dem Rucksack.

Panorama in Druck-Ausgabe
Sonnenuntergang auf der Lamsenjochhütte

  Lamsenjochhütte ↣ Weer

K km 76, L 22 km, H 285 m, R 1670 m, U 540 m, O 1953 m

Ich habe verschlafen! Im Bettenlager war es stockdunkel und wegen der Ohrstöpsel hatte ich nicht bemerkt, wie sich das Lager leerte. Ich sammle noch die Reste vom Buffet. Was mir gegenüber gestern fehlt, sind ein paar Gurkenscheibchen.

Gestern hatte ich im Wanderführer gelesen, daß heute ein leichter Klettersteig und eine kurze, schlecht gesicherte Kletterstelle zu bewältigen sind. Meine Tischnachbarn reden davon, sie wollen dort lang und haben Klettersteigsets mit. Ich bin mir unsicher. Gestern dachte ich noch, ich versuche das, aber heute sehe ich, daß die Alternativroute auf der Hüttenzufahrt nicht viel länger ist. Ich entscheide mich für Letztere.

Bank mit Bankbuch Bankbuch
Bank "Schafsitz" mit Aussicht und Bankbuch. Letzter Eintrag ist von vor zwei Tagen.
Ebenheitswettbewerb
Im Wettbewerb zwischen Mensch und Natur um die ebenste Piste gewinnt ganz klar die Natur (rechts)!

Auf dem durchgängig hohen Kiesbelag kann ich schnell gehen und komme gut voran. Tolle Ausblicke hat der Weg nicht, aber immerhin eine Sitzbank mit Gipfelbuch! An einigen Stellen gehe ich parallel zur Schotterpiste auf einem Wiesenweg, um mal etwas Abwechslung zu haben. Der zweite Teil der Etappe bis zum Gasthof Karwendelrast verläuft quer den Hang entlang auf breiten Schotterwegen. Aller paar Meter steht eine Bank, die meisten davon in der Sonne. Es ist heiß.

Abkürzung Abkürzung
Abkürzungen von der Schotterpiste
Steilhang Steilhang-Opfer
Obwohl der Weg sehr breit und eben ist, geht er in einer Steilwand entlang und zwei Menschen haben es geschafft, dort zu Tode zu stürzen.

Ich hatte von vornherein geplant, nicht am offiziellen Etappenziel aufzuhören, sondern weiterzulaufen bis nach Weer und dort einen Ruhetag einzulegen. Da trifft es sich gut, daß morgen eine Regenfront durchziehen soll. Ohne die wäre ich vielleicht weitergewandert, denn ich hatte noch nicht so viel geschafft, daß ich wirklich einen Ruhetag bräuchte.

Ebenheitswettbewerb
Kein Hochstand, sondern ein Tiefsitz, auf dem der Jäger die Tiere des gegenüberliegenden Hangs präsentiert bekommt, die ihm nach Abschuß direkt vor die Füße purzeln. Clever! Nur braten muß er die Tauben noch selber.

Ein schmaler Pfad führt neben der Karwendelrast ins Gebüsch und steil ins Vomper Loch hinunter. Am Hang muß ich mich langsam vorantasten, damit ich nicht ausrutsche. Im Tal schlängelt sich ein klarer Gebirgsbach über Felsstufen und durch Kiesbänke. An vielen schönen Gumpen sieht man Badende in der Sonne sitzen, aber im Wasser sehe ich niemand. Ist vermutlich sehr kalt.

Vomper Bach Vomper Bach Vomper Bach
Vomper Bach

Ich gehe weiter über einige Brücken bis zum Ausgang des Tals und mache Rast auf einer Bank mit Blick auf einen Autohof. Als ich gerade die letzten 5 Kilometer Straße bis nach Weer angehen will, hält ein Auto neben mir und ein Paar fragt, ob sie mich mitnehmen können. Ich hatte sie vorher aus der Klamm kommen sehen und vermutete richtig, daß sie baden waren. Sie setzen mich am ersten Hotel in Weer ab. Vielen Dank dafür!

Weer hat drei große Hotels. Der Schmalzerhof liegt genau an der Fernstraße. Ich fürchte um meine Ruhe und frage deshalb zuerst im Hotel Rettenberg nach einem Zimmer. Aus irgendwelchen Gründen hatte ich mir das als bevorzugte Variante aufgeschrieben. Die Dame an der Rezeption meint, daß sie gerade ein Einzelzimmer bei Booking.com einstellen wollte. Das nehme ich. Es ist hübsch und funktional eingerichtet. Der Regen kann kommen.

Hotel Rettenberg, Weer GPS: 47.30208, 11.6409
Hotel Rettenberg, Weer, am nächsten Morgen

Als Erstes räume ich den Rucksack aus und mache eine Einkaufstour im MPreis. Ich gönne mir ein Kilo Weintrauben, Kirschen, Pfirsiche, Tomaten, Joghurt, Wein und Bier. Gerade für die Weinauswahl brauche ich ewig, denn an fast allen steht ein Schild "Nimm 2, bezahl 1" oder "2. Flasche 38% billiger". Ich will aber keine 2. Flasche, auch nicht geschenkt. So nehme ich den, wo ich den geringsten Verlust mache, wenn ich nur eine Flasche kaufe, einen Wurzinger, mit nur 16 % Rabatt für die zweite Flasche.


  Weer

Das Frühstück war reichhaltig. Ich unternehme eine kleine Runde durch den Ort bis zum Zeltplatz. Eine Zeltwiese hat der nicht, nur Parzellen. Die hätte mich 38 € gekostet, es ist aber ohnehin nichts frei.

Kletterturm auf dem Campingplatz
Kletterturm auf dem Campingplatz

Weiter passiert nichts. Ich aktualisiere das Blog, schaue fern und lese Zeitung.

Wasserfall
Ich entdecke die Quelle des Rauschens in meinem Hotelzimmer.

  Weer ↣ Weidener Hütte

K km 89, L 13 km, H 1290 m, R 65 m, U 568 m, O 1795 m

Schon um 7 Uhr war ich beim Frühstück. Danach trödle ich herum und starte erst 9 Uhr. Es geht heute nur aufwärts. Das erste Stück kürzt auf Waldwegen die Asphaltstraße ab, danach gibt es für 5 Kilometer keine Alternative zur Straße. Auch heute habe ich wieder Glück und eine nette Fee sieht mich auf einer Bank verschnaufen und nimmt mich die Hälfte davon im Auto mit. Statt zu wandern, hat sie sich für heute vorgenommen, die Fenster in ihrem Elternhaus zu putzen. Mein herzliches Beileid!

Drüsiges Springkraut Drüsiges Springkraut
Man versucht hier das Drüsige Springkraut auszurotten, indem man es ausreißt.

Von Innerst führt eine breite Forstpiste ziemlich geradlinig zur Weidener Hütte. Eine Kurve kürzt mein Track auf einem Waldpfad ab. Danach zeigt ein Wegweiser auf einen Fußweg schräg den Hang hinauf. Ausgeschildert ist Weidener Hütte über die Almen. In OSM existiert der Weg nicht, aber weil drei Wanderer den Weg vor mir nehmen, gehe ich den auch. Er ist viel abwechslungsreicher als die Forstpiste.

Blockhütte Pock-Quelle

Kleiner Teich nach der Fiderrissalm. Links der Privatzugang, rechts der öffentliche.

Waldweg
Angenehm zu gehender Waldweg.

Schon 14:30 Uhr erreiche ich die Hütte. Ich bekomme einen Platz im Lager. Draußen mache ich mir wieder einen Pudding und warte auf mein Bergsteigeressen, heute Grösti. Der Wirt serviert das schon 17:30 Uhr, weil er sonst nicht genügend Strom für die anderen Gerichte hat. Es ist reichlich und lecker mit viel Gemüse.

Weidener Hütte GPS: 47.22371, 11.70858
Weidener Hütte

Die Hütte gefällt mir sehr gut. Sie ist sehr zweckmäßig eingerichtet, mit genügend Waschgelegenheiten und Toiletten, warmem Wasser aus der Wand ohne Aufpreis und vielen gut platzierten Steckdosen. Strom ist umsonst. Die Wirtsfamilie kümmert sich sehr um das Wohl ihrer Gäste. Weitwanderer sind keine darunter. Einige Gruppen gehen die Inntalrunde.

Morgen geht es über den Schießplatz an der Lizumer Hütte. Ich hatte mir gestern noch den Schießplan für diese Woche heruntergeladen. Heute ist er wegen Schießen geschlossen, den Rest der Woche ist er frei. Nur kleine Einschränkungen wegen Drohnen gibt es.


  Weidener Hütte ↣ Lizumer Hütte

K km 105, L 16 km, H 970 m, R 745 m, U 1792 m, O 2390 m

Mein Schlafplatz lag in einer Ecke des Matratzenlagers und ich hatte eine sehr gute Nacht. Obwohl nur wenige Plätze frei waren, blieb es die Nacht mucksmäuschen still. Niemand schnarchte, unglaublich! Halb sieben kam Leben in die Bude, ich stehe genau zum Frühstück um 7 Uhr auf. Auch das ist gut, mit Kaffee aus dem Automaten, Gurken, Tomaten, Joghurt. So bin ich heute schon um 8 auf Achse.

Nafing See Am Geiseljoch

Am Geiseljoch. Rechts der Olperer mit Gletscher.

400 Meter geht es unspektakulär eine Schotterpiste hoch zum Geiseljoch. Ein Hirte überholt mich im Auto. Sie treiben früh und abends die weit verstreuten Kühe zusammen, um sie zu melken. Ab dem Joch bin ich allein. Ein schmaler Weg führt an der Hangflanke in ein Tal und auf der gegenüberliegenden Flanke wieder zurück. Ich sehe Murmeltiere und einen Frosch.

Hangweg Alm-Zufahrt

Zufahrt zur Vallruck-Alm

Sperrgebiet Wasserfall
An einem Wasserfall erreiche ich das Sperrgebiet.

Anderthalb Stunden vor der Lizumer Hütte stehen drei Holzhütten, vermutlich ehemalige Melkstationen, jetzt verfallen. In OSM haben sie das Schutzhüttenzeichen. Wenn man darin übernachten will, hat man wahrscheinlich eine unruhige Nacht, denn die Hütten sind von Murmeltieren unterkellert worden. Ich mache zwischen zwei Hütten im Schatten Rast. Weil die Murmeltiere auf dem Holzfußboden laut herumtrampeln, kann ich schon vorhersehen, wenn eines gleich an der Tür ist und seine Nase herausstecken wird.

Holzhütten Melkanlage
Die Holzhütten sind vermutlich eine ehemalige Melkanlage.
sprintendes Murmeltier Murmeltier
Ein Murmeltier vor mir, das andere hinter mir.
Lizumer Hütte im Tal Maschinenpistolengeschoss
Beim Abstieg zur Lizumer Hütte höre ich zweimal Maschinenpistolenfeuer und sammle ein Leuchtspur-Geschoß vom Weg auf (am hinteren Ende offen).

An der Lizumer Hütte werde ich von Manuela wiedererkannt, mit der ich 2023 ein Stück des L1 gewandert war. Sie ist mit ihrem Mann Vidar und einem Dresdener auf der Inntal-Runde unterwegs. Zwei Holländer treffen zeitgleich mit mir ein. Sie kommen ebenfalls von der Weidener Hütte, sind aber den anderen Weg gelaufen. Wir checken zusammen ein und bekommen für das Abendessen einen Tisch zugewiesen. Der vierte am Tisch ist Torsten, ein München-Venedig-Wanderer aus Berlin. Wir kommen sofort ins Quatschen. Manuela zeigt uns ihren Ultraleicht-Klettergurt von Edelrid, der leichter ist als meine Bandschlinge und eher wie ein modischer Slip aussieht. Wie sich herausstellt, sind noch mindestens 4 weitere Traumpfadwanderer auf der Hütte. Jemanden auf meiner Route habe ich noch nicht getroffen.

Lizumer Hütte GPS: 47.16671, 11.64043
Lizumer Hütte

Vor der Hütte interviewt ein Filmteam vom ORF die ankommenden Wanderer. Weil die beiden Holländer an meinem Tisch kein Interesse haben, lassen sie unseren Tisch aus. Schade, sonst wäre ich im Fernsehen! Dem Hörensagen nach ging es um das Vorbestellen von Übernachtungsplätzen auf Hütten. Da hätte ich ohnehin nichts beitragen können.

Sperrtafel
Die Tafel mit den Schießplatz-Sperrungen.

Im Bergführerzimmer schlafe ich mit Torsten und zwei anderen, die ebenfalls den Traumpfad mit vollem Gepäck gehen.


  Lizumer Hütte ↣ Tuxerjochhaus

K km 117, L 12 km, H 1185 m, R 900 m, U 2018 m, O 2739 m

Heute ist der Tag der langen An- und Abstiege. Von der Hütte aus sieht man schon, welche Höhe man bewältigen muß. 700 Meter am Stück. Ich gehe 10 nach 8 Uhr los und mache zwei kurze Pausen bis zum Geierjoch. Ab dem Abstieg vom Geier bin ich 2021 den Weg schon gegangen. Ich erinnere mich an meine Zeltstelle in den Toten Böden, wo ich ein schweres Gewitter überstanden hatte.

Talschluss Schneefeld

Das erste mickrige Schneefeld.

Geierjoch Biwak

Gibt es ein Biwak vor dem Geierjoch?

Junssee Ende des Sperrgebiets

Ende des Sperrgebiets

Kletterstelle Tuxer Berge

Tuxer Kamm, die München-Venedig-Wanderer müssen morgen geradeaus, ich nach rechts.

Den Abstieg vom Gschützspitzsattel hatte ich schon wieder aus dem Gedächtnis verdrängt. Es geht endlos Serpentinen nach unten und weil die Steigung sehr flach ist, kann ich häufig mit der Geschwindigkeit wie in der Ebene laufen. Ich arbeite mich von der letzten Position der Wandererkette an die erste Position vor.

Torsten am Gschützspitzsattel langer Abstieg

Langer Abstieg

Weitentalbach-Tal langer Abstieg

Ausruhen nach langem Abstieg

Im Tal habe ich zwar butterweiche Knie, ich will den Schwung aber für die letzten 300 Meter Anstieg zur Hütte nutzen und mache unten nur eine kurze Pause. 15 Uhr bin ich am Tuxerjochhaus und bekomme den vorletzten Schlafplatz im Matratzenlager (den letzten bekommt Torsten).

Tuxerjochhaus GPS: 47.09888, 11.64952
Tuxerjochhaus

Die Hütte gehört zum Österreichischen Touristenklub und nicht zum Alpenverein. Sie akzeptieren zwar Alpenvereinsausweise, es gibt aber kein Bergsteigeressen. Stattdessen nehme ich Lasagne.


  Tuxerjochhaus ↣ Geraer Hütte

K km 127, L 10 km, H 770 m, R 745 m, U 2163 m, O 2568 m

Rückblick auf's Tuxer Joch
Rückblick aufs Tuxer Joch

Im Gegensatz zu den München-Venedig-Gehern habe ich heute eine einfachere Etappe. Das Buch sagt 550 Meter hoch und runter, mein Track immerhin 750 Meter. Ich verabschiede mich von Torsten und mache mich auf den Weg. Sobald ich weniger zu leisten habe, werde ich automatisch fauler. Ich mache viele Pausen und genieße die Natur.

Weiße Wand Murmeltier vor Kaserer Schartl

Murmeltier auf dem Weg zum Kaserer Schartl.

Meinen Weg scheint niemand zu gehen. Das Paar vor mir steigt auf den Kaserer. Die Besitzer der Kaserer Alm kommen mir mit Hund entgegen. Sie machen ebenfalls einen Ausflug auf den Berg. Es geht eine lange Bergflanke entlang, um nicht zu viel Höhe beim Talwechsel zu verlieren. Später kommen mir einige Bergbezwinger entgegen, die wieder zum Tuxerjochhaus zurück wollen. Drei Mädels spendieren mir ein Gummitier.

Hangweg Kleegrubenscharte

Kleegrubenscharte

auf der Kleegrubenscharte gesicherte Stelle

Gesicherte Stelle

breitbeiniges Steinmännchen spackes Steinmännchen
Steinmännchen mal dick und breitbeinig, mal ultraschlank.

Einige Querungen weiter gehe ich über die großen Schotterfelder, durch die von den Gletschern viele Wasserläufe herunterkommen. Die Landschaft ist phantastisch. Vom grasbewachsenen Sattel nach der Gesteinswüste sehe ich schon die grüne Fahne der Hütte im Wind flattern. Ihr Grün unterscheidet sich minimal von dem der Flechten, die die Steine bewachsen. Von der Hütte ist nur wenig zu sehen.

Schotterfelder
Weg durch den Gletscherabfluß.
Geraer Hütte in Sicht
Geraer Hütte in Sicht
Klamm
Vor der Hütte taucht unverhofft diese Klamm auf, die man auf einer Brücke überquert.

Es braucht wieder eine Weile, bis geklärt ist, wo ich schlafe. Ich bekomme das Einzelbett in einem Zimmer, in dem außerdem noch 4 Schlafkojen sind. Nicht die schlechteste Wahl. Die Klientel dieser Hütte ist ganz anders als die der letzten. Bis spät am Abend kommen Kletterer den Berg hinunter. Ich finde niemanden zum Quatschen.

Geraer Hütte GPS: 47.04338, 11.6281
Geraer Hütte

Die Hütte hat einige Merkwürdigkeiten, die sehr lieb gemeint sind. Zum Beispiel war mein Bett in Form eines Herzens zusammengeschlagen. Das habe ich noch nirgends gesehen. Alle anderen Schlafplätze hatten normal zusammengefaltete bezogene Decken. Mein Bett war leider 20 Zentimeter dick. Den ersten Teil der Nacht habe ich in meinem Seiden-Inlett neben dem Bett gelegen, bis mir kalt wurde und ich unter das Bett geschlüpft bin, wo es natürlich viel zu warm war.

Zimmer auf der Geraer Hütte
Mein Zimmer auf der Geraer Hütte

Getränke und Essen schreibt man selber mit Kuli auf eine große Ansichtskarte, die man am Schluß behalten darf. Ganz vertrauen sie meinem selbst Aufgeschriebenen aber auch nicht, denn sie haben das Gleiche nochmal in ihrem System. Während ich übliche Abrechnungskarten einfach in die Brieftasche stecken kann, habe ich auf dieser Hütte ständig eine Postkarte und einen Stift in der Hand.

Abendstimmung
Abendstimmung

Man zahlt an einem Abend zweimal, erst für die Übernachtung und das Frühstück, dann für das Abendessen. Es gibt keinen zentralen Handyladepunkt sondern man soll die Staubsaugersteckdose im Flur nutzen. Das Abendessen in zwei Schichten führt dazu, daß man keinen Platz mehr am Tisch findet, wenn es gemütlich wird. Ich hatte keinen Strom mehr, um noch Zeitung zu lesen, und mich früh ins Bett zurückgezogen.


  Geraer Hütte ↣ Pfitscher Joch

K km 137, L 10 km, H 955 m, R 1030 m, U 2198 m, O 2958 m

Die vier Schlafplätze in meinem Zimmer waren für Wanderer reserviert, nicht für Bergsteiger. Einer von ihnen hat gut geschlafen. Nachdem ich mir was in die Ohren gestöpselt hatte, war meine Nacht ganz in Ordnung. Als Bergsteigerhütte servieren sie Frühstück ab 5:30 Uhr. Mir reichte wie bisher 7 Uhr. Um 7:30 Uhr wird das Buffet abgebaut.

8 Uhr gehe ich los. Die 500 Höhenmeter bis zur verlassenen Molybdänmine schaffe ich in einem Stück. Ich laufe anfangs im Schatten der Bergwand. Ab und zu leuchtet mir aus der Scharte die Sonne ins Gesicht.

Bergarbeitersiedlung Siedlungsreste
Reste der Bergarbeitersiedlung.

Bei den Ruinen der Bergarbeitersiedlung finde ich noch die im Wanderführer von 2011 erwähnte Schuhsohle neben anderen verrosteten Gegenständen. Eine weitere, modernere Schuhsohle hat sich dazugesellt. In 100 Jahren wird man die Geschichte dieses Ortes anhand von Schuhsohlen erzählen können.

alter Schuh neuer Schuh
Schuh-Geschichte
Schachteingang Schachteingang
Eingang der verlassenen Molybdän-Mine, leider zugesperrt.
Seilbahnstation
Gestell der Seilbahn zum Abtransport des Erzes.

Weiter oben beim Mineneingang renne ich von der Sonne geblendet fast ein Rudel Steinböcke über den Haufen, die regungslos im Schatten stehen. Sie lassen sich durch mein Fotografieren nicht stören. Ich umgehe sie danach auf dem Weg an der linken Felswand.

8 Steinböcke
Acht Steinböcke
Panorama in Druck-Ausgabe
Am Molybdänbergwerk

An der Alpeiner Scharte angekommen, lege ich mich erst mal in die Sonne und genieße das Panorama. Das ist mit 2959 Metern der höchste Punkt der Route. Die vier Wanderer aus meinem Zimmer wollten eigentlich zur Olpererhütte, aber vor oder nach mir war niemand zu sehen. Erst im Abstieg kamen mir zwei Alpinistinnen entgegen.

Alpeiner Scharte Alpeiner Scharte Südseite
Auf der Alpeiner Scharte. Blick nach oben und zur anderen Seite.

Im steilen Abstieg über Blockfelder taste ich mich langsam voran. Die höchstgelegene Querung nach Südwesten ist immer noch wegen des Bergrutschs gesperrt. Über dem Bach liegt ein dickes Schneefeld, das nicht passiert werden kann, weil man nicht mehr obendrauf gelangt. Anders als im Buch beschrieben muß ich nicht 200 Meter zu den Seen absteigen, sondern nur 100 Meter bis zum Ende des Schneefelds. Der Bach ist hier versickert und nach der Querung führen rote Markierungen wieder bergauf. Weiter oben kommen auch Wegweiser.

gesperrter oberer Weg unpassierbares Schneefeld

Die Querung darunter ist wegen des Schneefelds nicht passierbar.

Schneefeldende Wiederaufstiegsmarkierung
Am unteren Ende des Schneefelds gibt es eine Wegmarkierung für den Wiederaufstieg.
Wegweiser Hangweg
Ich erreiche den Weg, den ich schon über das Schneefeld gesehen hatte.

Wenig später stoße ich auf die Route München-Venedig, eine gut ausgebaute Autobahn durch die Blockfelder. Ich quere den Oberschrambach weit genug oben, um nicht auszurutschen. Hier hat es mal einen Todesfall gegeben. Es beginnt ein paar Tropfen zu nieseln, die aus noch weit entfernten dunklen Wolken stammen müssen. Es ist halb vier, ich könnte es also noch am Abend bis zum Etappenziel Landshuter Europahütte schaffen, aber ich freunde mich mehr und mehr mit dem Gedanken an, im Pfitscherjochhaus zumindest mal nach einem Quartier zu fragen.

Bachquerung Berliner Höhenweg

Wanderautobahn Berliner Höhenweg.

Schlegeisspeicher Bachquerung

Der Zamser Bach wird auf einem Steg überquert.

Das Haus ist voll. Vor mir sind noch zwei weitere ohne Anmeldung gekommen. Ich frage nach einem Winterraum und ja, das geht. Weil der Regen inzwischen begonnen hatte, fahren mich die Wirtsleute mit dem Auto zur 100 Meter hangab liegenden Hütte und schließen mir auf. Es ist ein kleines Steingebäude gegenüber dem alten Zollhaus, genau auf der Grenze. Ich bin in Italien!

Pfitscherjochhaus Zollhaus und Winterraum

Zollhaus (links) und Winterraum (rechts).

Österreich Italien

Italien

Zurück im Gastraum bestelle ich mir eine Minestrone und komme mit zwei Mädels ins Gespräch, die ihre Tour auf der Peter Habeler Runde wegen Fußproblemen hier beenden. Sie lassen sich morgen mit einem Shuttle ins Tal bringen. Von ihnen erfahre ich, daß die Landshuter Europahütte geschlossen ist. Was wäre das für ein Desaster geworden, im Gewitter dort hinzueilen und dann vor verschlossenen Türen zu stehen! Ich verabschiede mich und beziehe mein Heim. Es hat vier breite Betten, einen Ofen und jede Menge Feuerholz. Ich werde mich beherrschen und kein Feuer machen, schließlich ist Sommer.

Pfitscherjochhaus Winterraum GPS: 46.99463, 11.66056
Pfitscherjochhaus Winterraum

Stattdessen koche ich mir einen türkischen Tee und esse dazu in Weinblätter eingerollten Reis in Olivenöl und Essig an Knäckebrot. Sehr lecker. Ich hatte erst spät einen Topf zum Einfangen der Wassertropfen unter das Dach gestellt. Für einen halben Frühstückskaffee wird's reichen. Ich bin zu faul, nochmal hoch zum Pfitzscherjochhaus zu gehen und nach Wasser zu fragen.

Winterraum innen Olivenblätter

Olivenblätter

Kühe belagern meine Hütte. Ich mache auch den schmalen Türspalt noch zu, damit sie die Tür nicht mit den Hörnern aufziehen. Danach klopfen sie zweimal an die Tür. Aber sie kennen die Parole nicht.


  Pfitscher Joch ↣ Wolfendorn

K km 149, L 12 km, H 840 m, R 780 m, U 2225 m, O 2687 m

Heute klingelt der Wecker 6:15. Ich mache Kaffee und schmiere mir einige FinnCrisps. Ich habe gut geschlafen.

Auf einer sanft ansteigenden ehemaligen Militärstraße hole ich das Stück der gestrigen Etappe nach, das ich nicht geschafft habe. Nach zwei Stunden mache ich Rast und mich holen zwei Wanderer ein. Sie gehen ebenfalls die Peter Habeler Runde, die auch die Mädels gestern gegangen sind, und steigen nach der Landshuter-Europahütte ins Tal ab. Bis zur Hütte gehen wir gemeinsam.

Wolfendorn Granatsplitter

Granatsplitter aus dem 1. Weltkrieg findet man an vielen Stellen.

Als wir den letzten Anstieg geschafft haben und auf das Plateau schauen können, bietet sich ein toller Anblick. Neben der alten Hütte ragt ein eleganter Neubau empor. Der Innenausbau ist in vollem Gange. Eröffnungstermin ist im März nächsten Jahres. Glücklicherweise ist jemand vor Ort und ich kann eine Wasserflasche am Wasserhahn im Gebäude auffüllen. Es gab heute ansonsten kein Wasser.

Landshuter Hütte
Neubau der Landshuter-Europahütte.

An der Hütte trennen sich unsere Wege und ich starte mit den vielen An- und Abstiegen auf dem Kamm Richtung Wildseespitze. Meistens geht es über Blockfelder, an einigen Stellen seilversichert. Weil ich die Umgehung nicht finde, besteige ich meinen ersten Gipfel der Tour, besagte Wildseespitze (2733 m).

Wildseespitze Durchlass
Auf zur Wildseespitze.
Kreuz in Sicht Klettersteig
Zum Schluß ein leichter Klettersteig durch Blockfelder.
Panorama in Druck-Ausgabe
Wildseespitzen-Panorama

Auf der Rückseite geht es auf einem breiten grasbewachsenen Rücken weiter zum nächsten Gipfel, dem imposanten Wolfendorn (2774 m). Der ist mir für heute zu viel, denn es liegen schon wieder Gewitter in der Luft. Ich nehme den Abstieg 5b und bin unterwegs schon auf der Suche nach einem Platz, an dem ich das Zelt aufbauen und darin das Gewitter überstehen kann. Als der Wind auffrischt, sehe ich als Bestes eine kleine bucklige Kuhle. Die nehme ich. Gerade so bekomme ich die Häringe irgendwie in den Boden, als der Regen einsetzt. Ich schlüpfe ins Zelt und liege auf der trockenen Schaumstoffmatte, die mich bei einem nahen Blitzeinschlag auch elektrisch gegen hohe Bodenpotentiale isolieren soll. Ob das funktioniert, weiß ich nicht. Rundum und über mir donnert es.

Wolfendorn
Der Wolfendorn kommt näher.
Abstieg Abstieg
Abstieg vom Kamm zu den grünen Moränen.
Zelt unterhalb des Wolfendorns GPS: 46.98357, 11.54731
Zelt unterhalb des Wolfendorns

Kochen ist wegen Wassermangel nicht drin. Ich vergreife mich an den Frühstücksvorräten und der Wurst. Empfang habe ich in meinem Zelt keinen.


  Wolfendorn ↣ Hühnerspielhütte

K km 163, L 14 km, H 820 m, R 1290 m, U 1765 m, O 2529 m

Trotz des buckligen Untergrunds schlafe ich sehr gut. Ich bin noch weit oberhalb der Kühe. Um 8 Uhr ziehe ich los. Zuerst noch etwas den Hang runter, dann einen breiteren Weg wieder hoch.

Zeltkuhle
Zeltkuhle

Kurz nach dem Flatschjoch sitzt ein Hirte auf dem Wanderweg. Ich vermute, er lacht sich einen Ast bei der Vorstellung, wie ich gleich in seine Herde stolpere. Zuerst sehe ich in der Felswand was, das ich für eine Gämse halte. Dann höre ich Glöckchen und wenige Schritte später sehe ich die Ziegenherde. Sie blickt mir erwartungsvoll entgegen. Ich mache ein Foto und die ganze Herde hängt an meinen Hacken. Mit einer weiten Armbewegung scheuche ich sie weg. Dafür kommt jetzt der Bock von seinem Aussichtsposten angerannt. Kurze Zeit später habe ich mich aus dem Staub gemacht und alles beruhigt sich wieder.

Ziegenherde Ziegenherde

Augen auf mich!

Ich kämpfe mich auf die Flatschspitze (2566 m) hoch, dem zweiten Gipfel dieser Tour. Ausblick habe ich keinen, das verdunstende Wasser der letzten Nacht trübt die Sicht. Vom Gipfel geht die Route des Wanderführers die Gipfelkette entlang zum Schlüsseljoch und dann zur Enzianhütte. Weil ich Zeit reinholen will, nehme ich den schnurgraden Wiesenpfad, der einige Kehren vor der Enzianhütte auf den offiziellen Weg trifft. Der hat keine Markierung, ist aber wunderbar zu laufen.

Abkürzung
Abkürzung

Ich komme an Blaubeerbüschen vorbei, wo mir viele blaue Punkte entgegenleuchten. Ich setze mich daneben und ernte rundum ab. Irgendwie sind die anders als unsere heimischen Blaubeeren. Das Fruchtfleisch ist weiß und unreife Beeren sind auf einer Seite fast weiß, auf der anderen Seite dunkelblau. Weiter unten entdecke ich einen Busch, wo noch mehr dranhängt. Wieder sammle ich viele. Unterwegs treffe ich auf eine Frau, die professionell mit einem Kamm sammelt. Ihr Mann erklärt mir später, daß ich die falschen Blaubeeren gesammelt habe, und zeigt mir auch die richtigen. Sie haben etwas helleres Laub und von denen bekommt man wirklich einen Blaubeermund.

unreife falsche Blaubeeren Sammelgut

Sammelgut

falsche und richtige Blaubeeren
"Falsche" (grauere Blätter) und "richtige" (grünere Blätter) Blaubeeren.

An der Enzianalm lasse ich mir die Wasserflaschen auffüllen und gehe weiter auf einem Schotterweg zur Zirogalm. Ich bin mental vorbereitet auf einen langen Abstieg nach Sterzing und freue mich schon auf ein Hotel heute Abend. Im Führer steht für die heutige Etappe zwar noch ein Anstieg von 200 Metern, und ich sehe auch in der Karte, daß es noch einige kleine Anstiege gibt, denke mir aber nichts dabei.

Was jetzt folgt, ist der schwierigste Weg der ganzen Tour. Ich will runter, aber der Weg zur Hühnerspielhütte geht hoch, hoch, hoch. Im Buch steht "Über den Ziroger Höhenweg geht man in ständigem Auf und Ab nach Süden, meist auf erfreulich kleinen Pfaden". In Summe steigt man 650 Meter hoch und wieder runter auf einem 10 bis 20 Zentimeter breiten Pfad entlang des Steilhangs. Durch das ungeschnittene Gras ist der Weg schwer zu erkennen, von der Nässe der Nacht sind die Steine und Wurzeln rutschig. Manchmal geht es auch einfach senkrecht den Berg hoch. Ich bin frustriert und erschöpft und brauche wesentlich länger als angegeben.

zugewachsener Weg zugewachsener Weg
zugewachsener Weg Waldpfad
Zugewachsener Weg an der Bergflanke.

An der Hühnerspielhütte beschließe ich, nach einem Quartier zu fragen. Hotelsuche um Mitternacht in Sterzing ist vermutlich nicht spaßig. Ich bekomme einen Platz im Hochlager zusammen mit einem Südtiroler Paar, die einen Tagesausflug mit dem Rad unternommen haben. Das Schnitzel zum Abendbrot ist klasse. Mit am Tisch ist noch eine Wanderin aus dem Norden Deutschlands, die ihre erste große Tour von Sterzing nach Garmisch-Partenkirchen unternimmt. Losgewandert ist sie allein, aber unterwegs stößt ihre Freundin dazu.

Hühnerspielhütte GPS: 46.94263, 11.46858
Hühnerspielhütte

  Hühnerspielhütte ↣ Sterzing

K km 173, L 10 km, H 280 m, R 1170 m, U 945 m, O 1922 m

Der Dachboden ist dunkel, aber ich schlafe schlecht. Wieder ist die Decke viel zu dick. Das Frühstück bietet viel Auswahl. Bei einer Location mit "Hühner" im Namen hatte ich mit Eiern gerechnet, aber das war nur Wunschdenken.

Schlafboden
Schlafboden der Hütte.

Heute geht es endlich ins Tal. Der Weg startet wieder mit 100 Meter Anstieg, aber egal. Die Fußwege sind schön breit und der Wald spendet Schatten. Ein sehr schöner Wanderweg. Ich durchquere den Himbeergürtel mit geringen Verzögerungen. Ganz unten im Tal sind sogar schon die Brombeeren reif.

Rennkalb Rennkalb
In Schmuders rennt ein Kalb ganz aufgeregt auf dem Kiesweg hin und her. Ich fühle mich ein wenig wie ein Torero.

Zur Hotelsuche gehe ich in die Touristeninformation. Die Frau am Schalter druckt mir 10 Möglichkeiten aus. Die Preise sind happig. Alle bis auf eines verlangen mehr als 300 € für 2 Nächte. Also fällt die Auswahl leicht und ich gehe zum Sterzinger Moos Hotel und spreche dort vor. Ich bekomme ein Einzelzimmer für 182 € für zwei Nächte, 4 € mehr, als ich bezahlt hätte, wenn ich gleich in der Touristeninformation gebucht hätte. Ich zeige der jungen Frau an der Rezeption den Ausdruck. Sie kommentiert das mit "veraltete Preise". Mein Einwand, daß der Ausdruck eine halbe Stunde alt ist, zählt nicht. Na egal, zahle ich 4 € dazu.

Hotel Sterzinger Moos GPS: 46.89264, 11.43332
Hotel Sterzinger Moos

Das Zimmer hat leider keinen Balkon und ist recht dunkel, weil es im 1. Stock liegt und von einem großen Baum verschattet wird. Weil es an der Nordseite liegt, heizt es sich wenigstens nicht stark auf. Draußen sind 30 Grad im Schatten.

Als Erstes beschaffe ich Vorräte für die 2 Tage und die Wanderung danach. Yoghurt und Obst stehen hoch im Kurs. Dann sehe ich mir die Stadt an. Die besteht im Wesentlichen nur aus einer schicken Einkaufsstraße, die vom Zwölferturm in Altstadt und Neustadt geteilt wird. Wenigstens haben die meisten der Läden einen lokalen Bezug und sind nicht die immer gleichen internationalen Modelabel, die man sonst über Prachtstraßen ausschüttet.

Sterzing Sterzing
Die Prachtstraße von Sterzing.

Ich finde einen Laden mit dem Schild des Verlags meines Wanderführers, Athesia. Leider hat er ein Angebot, das viele Buchläden heute anbieten, ein Sammelsurium von Krimskrams. Im Regal für Reiseführer stehen nur die in Deutschland bekannten Marken und von Athesia finde ich nichts. Schade.

Athesia Buchladen Strohballen

Witzig, daß man etwas so Profanem, wie einem Strohballen, ein Denkmal setzt.

Stadtauswärts liegt ein kleiner Park. Ich setze mich auf eine Bank, trinke ein Bier und sehe einem Mähroboter bei der Arbeit zu, den man hier frei herumfahren läßt. Zu tun hat er nichts, der Rasen ist schon kurz.

Rasenmäher
Freilaufender Rasenmäher

  Sterzing

Heute ist Ruhetag. Durch die zwei Gewittertage bin ich immer weiter gegenüber meinem Plan zurückgefallen und habe jetzt einen Tag Verzug. Ich will trotzdem nicht auf einen Tag faulenzen verzichten, denn das brauche ich dringend, um mich zu regenerieren.

Turm
Sonnenblume

  Sterzing ↣ Penser Joch

K km 186, L 13 km, H 1710 m, R 465 m, U 942 m, O 2395 m

Vollgepackt geht es heute vom Tal in das nächste Gebirge, die Sarntaler Alpen. Mit 2,5 L Wasser, Apfel, Gurke, Tomaten, Paprika, Käse, Wurst habe ich vielleicht wieder mein Startgewicht von 17 kg erreicht.

Sterzing im Rückblick
Sterzing im Rückblick, viel verbauter Beton

Der Wanderweg taucht nach dem Ort sofort in den Wald ein, deswegen bleibt die Hitze erträglich. Er geht erst steil bergauf, später in Serpentinen einen schönen Forstweg entlang, dessen Kehren man mit einem Fußpfad abkürzen könnte. Mach ich nicht, mir ist der Forstweg steil genug.

Pfad Pfad
An zwei Stellen geht es durch dichten Busch.

Es gibt wieder viel zu ernten, vor allem Himbeeren. An einer Stelle leuchten links vom Weg Himbeeren, auf dem breiten Mittelstreifen ist alles voller Walderdbeeren und rechts gibt es echte Blaubeeren. Das bremst.

Himbeeren Erdbeeren
Lecker!
Lawinenzaun Sterzing

Deutlich an Höhe gewonnen.

Hangweg Scherenschnitt

Nachdem der Wald zurückbleibt, ist es wegen der Höhe kühler geworden, außerdem haben sich Wolken gebildet. Es könnte heute wieder gewittern. Ich besteige den 3. Gipfel der Tour, den Zinseler (2422 m), eine Graskuppe mit vielen Steinmännchen drauf. Aus der Ferne hatte ich sie für Menschen gehalten.

Panorama in Druck-Ausgabe
Auf dem Zinseler

Beim Abstieg begegne ich den ersten Wanderern heute, die vom Penser Joch kommen. Der Gasthof Alpenrose ist ausgebucht, deshalb suche ich mir im hügeligen Kamm einen Platz für mein Zelt. Es ist wieder eine tiefe Kuhle direkt hinter einem Stein geworden. Ein Wanderweg geht auf der anderen Seite des Steins entlang. Ich hoffe mal, daß die Kühe und Ziegen bleiben, wo sie sind.

Gasthof Alpenrose in der Ferne Gasthof Alpenrose

Gasthof Alpenrose

Weil ich im Gasthof vergessen habe, nach Wasser zu fragen, gibt es nur kalte Küche. Ich habe keinen Empfang, deshalb kann man das erst morgen lesen.

Zelt am Penser Joch Zelt am Penser Joch
GPS: 46.81907, 11.44815
Zelt am Penser Joch

  Penser Joch ↣ Flaggerschartenhütte

K km 196, L 10 km, H 805 m, R 540 m, U 2066 m, O 2570 m

In der Nacht nieselt es eine halbe Stunde. Ab Mitternacht bis drei Uhr zucken Blitze über den Himmel, weil über den angrenzenden Bergketten Gewitter toben. Ich warte, daß auch bei mir der Regen wieder einsetzt oder der Wind auffrischt, aber ich werde vom Gewitter verschont. Geschlafen habe ich trotzdem lange nicht. Früh halb sieben weckt mich eine Herde Ziegen mit lieblichem Gebimmel. Interessiert schauen sie vom Felsblock über mir in mein Zelt. Ich packe zusammen und gehe ohne Frühstück los.

Ziegen
Gaffer

Es geht lange an grasbewachsenen Berghängen entlang, um ohne Höhe zu verlieren, auf die nächste Bergkette zu kommen. Erst zum Schluß führen Serpentinen durch ein Schotterfeld zur Hörtlaner Scharte.

Sattel
Weg im Sattel

Ich lege einige Pausen ein, döse in der Sonne und schöpfe Wasser. Die Landschaft ist von Gletschern rundgeschliffen und besteht aus vielen Moränen, losen Schutt-Ansammlungen, aus denen ebenerdig Wasser austritt und Quellen formt.

Quelle Bachlandschaft
Ebenerdig tritt Wasser aus dem Boden und formt diese wunderschöne Landschaft mit kleinen Bächen …
Bach Schafe

Den Schafen ist es zu heiß.

Wegkreuz Granatsplitter

Ich finde mehr Granatsplitter

Wenn man nach der Scharte noch 5 Meter geht, sieht man für einen Augenblick die Flaggerschartenhütte, das heutige Etappenziel. Danach bekommt man sie erst wieder zu Gesicht, nachdem man abgestiegen ist und am Gegenhang die räudig gesicherte Kletterstelle bewältigt hat. Drei der Eisen, die eigentlich das Seil halten sollen, hängen im Seil, zwei weitere sind locker. Besser man verzichtet vollständig auf das Seil und sucht sich gute Griffe für die Hände. Die Rinne ist breit genug und einfach zu klettern.

Marburg-Siegener Hütte
Marburg-Siegener- oder auch Flaggerschartenhütte
defekte Sicherung
Rinne mit defekter Sicherung

Weil ich heute zum ersten Mal auf der Tour auf Schotter ausgerutscht bin (nichts passiert, bin nur in die Knie gegangen), lasse ich mir mit dem steilen Abstieg besonders viel Zeit. Die Hütte wird kurz von einem Hubschrauber angeflogen. Wie wir später erfahren, ist nichts Schlimmes passiert, nur zwei Handwerker haben Feierabend.

Marburg-Siegener Hütte
Eine Idylle.

Ich kann in der Hütte übernachten. Bisher sind nur zwei Deutsche da, die die Hufeisentour in entgegengesetzter Richtung wie ich gehen. Gestern war die Hütte voll, es hätte aber auch noch einen Platz im Winterraum gegeben.

Flaggerschartenhütte GPS: 46.77161, 11.48757
Flaggerschartenhütte

Unterhalb der Hütte steht eine Freiluftdusche, bei der Seewasser in einem langen Plasteschlauch erwärmt wird. Sehr erfrischend. Die vielen Gewitter, die für heute Nachmittag angesagt waren, sind erst mal nicht eingetreten. Ich sitze bei schönstem Sonnenschein vor der Hütte und trinke Bier.

Am Abend kommen noch mehr Paare, die sich zu einer großen UNO-Runde zusammenfinden. In Anbetracht der letzten durchwachten Nacht suche ich früh den Schlaf.


  Flaggerschartenhütte ↣ Latzfonser Schutzhaus

K km 206, L 10 km, H 595 m, R 785 m, U 2159 m, O 2513 m

Am späten Abend kommt doch ein heftiges Gewitter. Ich bin froh, nicht im Zelt übernachtet zu haben. Lange finde ich auch heute keinen Schlaf.

Die heutige Wanderung ist sehr schön. Es geht über Wiesen entlang sanft geschwungener Bergflanken immer geradeaus. Wenn nicht auch heute wieder das Damoklesschwert für die Mittagszeit angesagter Gewitter über mir schweben würde, könnte ich das noch mehr genießen. Ich lege mich trotzdem an einigen Stellen entspannt ins Gras.

Panorama in Druck-Ausgabe
Vom Tellerjoch aus sieht man schon den größten Teil des heutigen Weges.

Auf einem Kamm steht ein seltsames Gebäude, das aus allen Richtungen wie ein spitzes Dreieck aussieht. Gestern habe ich die eine Seite gesehen, heute die andere. Ich muß mal recherchieren, was das ist. Sehr profan: Es ist ein Umsetzer für ARD und ZDF. Und ich hatte Messner dahinter vermutet.

mysterioeses Dreieck mysterioeses Dreieck
Das mysteriöse Dreieck gestern und heute.
Hangweg Hangweg
Der Weg durch die Flanke.
Warnung
Warnung vor dem Unbekannten / Unleserlichen.
Dolomiten
An der Fortschellscharte tauchen zum ersten Mal die Dolomiten auf.
Felsenpfad Schutzhaus
Noch um diese Biegung, dann steht man vor dem Latzfonser Kreuz.

Am Latzfonser Schutzhaus habe ich eine wunderbare Übersicht über die bizarren Felsentürme der Dolomiten. Es ist zwar diesig, aber die großen Gewitter sind bis jetzt nicht gekommen. Ich bekomme einen Platz im sehr geräumigen Lager. Wie gestern sitze ich wieder in der Sonne vor der Hütte. Der einzige Nachteil heute ist, daß 7 Deppen zur Hütte heraufgekommen sind, um sich vollaufen zu lassen, während sie sich alle zugleich mit ohrenbetäubender Lautstärke anschreien.

Panorama in Druck-Ausgabe
GPS: 46.70190, 11.4998
Die Dolomiten vom Latzfonser Kreuz aus gesehen.

Zm Abendbrot setze ich mich zu zwei angehenden Juristen, die ich schon vom Vortag kenne. Sie sind meinen Weg gegangen, haben aber noch einen Gipfel mitgenommen. Dazu kommen Vater und Tochter aus Ulm, die meine beiden letzten Etappen zusammengelegt haben, weil sie heute auf dieser Hütte gebucht haben. Ein beachtlicher Gewaltmarsch. Es gibt Leberkäs zum Abendessen und weil die Portionen nicht reichlich sind, wird ein Nachschlag angeboten. Ich habe zwar unterwegs meine Einkäufe von Sterzing vertilgt, bin heute aber mal so hungrig, daß ich den Nachschlag brauche.

Weihwasser
Eine sehr ungewöhnliche Zutat in einem Restaurant.
Dolomiten Dolomiten im Abendrot
Wir sitzen noch lange im Freien und warten auf das Alpenglühen.

  Latzfonser Schutzhaus ↣ Sarnthein

K km 226, L 20 km, H 705 m, R 1995 m, U 975 m, O 2494 m

Diese Nacht kommen keine Gewitter und ich schlafe gut. Es hat sich eingebürgert, daß es um 7 Uhr Frühstück gibt. Gegen 8 Uhr geht es wie jeden Tag los.

komfortabler Schlafboden
Sehr komfortabler Schlafboden.

Auch auf der heutigen Etappe ist der Abstieg wieder gewürzt mit einem vorigen 500 Meter Anstieg, den man natürlich zusätzlich zu den 1000 Metern Höhendifferenz wieder herunter muß. Glücklicherweise gibt es diesmal eine Alternative ohne diesen Anstieg.

Kuh

Sobald man die ersten 100 Höhenmeter hinter sich hat und um die Ecke biegt, steht man auf einmal auf einer gigantischen Hochebene, die ganz leicht zu einer Seite abfällt. Das könnte überall sein, nur in den Alpen vermutet man das nicht. Auf dem Gras läuft es sich schnell und einfach. Die Weitsicht ist phantastisch. Weil einige Stellen sumpfig sind, hat man für uns Wanderer viele Stege gebaut. In einer der Umzäunungen grasen Lamas.

Hochebene
Riesige Hochebene. Die Etappe führt über den Berg, die Variante rechts vorbei.
Steg Herz
Ein Herz für Wanderer.
Lamas Rückblick
Blick zurück auf Lamas und den Weg.

Ab Schwarzem See beginnt die einfachere Variante. Auf der hat man die Möglichkeit, eine bequeme Forststraße zu nehmen oder parallel verlaufende Alternativen. Die erste Alternative führt durch Blockfelder, ist also schwerer zu gehen, die weiteren durch Wald, mit Blaubeeren.

Biertränke Schwarzsee

Der Schwarzsee, danach gehe ich rechts.

Pferde Blockfeldweg

Abwärts gehe ich zuerst durch Blockfelder.

Wetterkreuz verunglückter Paraglider
Ein Wetterkreuz und ein Kreuz für einen verunglückten Gleitschirmflieger.

Der eigentliche Abstieg ist recht steil auf Forstpisten. Ab Schloß Reinegg stinkt es nach Gülle, so daß ich für den Ort das Schlimmste fürchte.

Schloß Reinegg Sarnthein

Sarnthein

Ich gehe zur Touristeninfo, aber die hat schon geschlossen. Wenigstens steckt im Ständer davor ein Heft mit Unterkünften in der Region. Drei davon identifiziere ich als Hotels im Ort und rufe dort an. Nur im Olympia nimmt jemand ab und vertröstet mich auf eine Stunde, bis geklärt ist, ob jemand nicht kommt. Ich gehe derweil einkaufen. Kurz vor der Frist rufe ich die anderen beiden an und siehe da, im Gasthof zum Hirschen ist noch ein Einzelzimmer für 90 € frei. Das nehme ich. Die Alternative wäre gewesen, weiterzugehen und zu zelten.

Sarnthein Gasthof zum Hirschen GPS: 46.64205, 11.35767
Sarnthein Gasthof zum Hirschen

Das Haus ist sehr alt, stilvoll möbliert und mit Kunst ausgestattet. Gefällt mir sehr gut. Mein Zimmer gleicht eher einer Mönchszelle. Es gibt keine freie Steckdose am Bett, der Fernseher ist winzig und WLAN ist nicht.

Gasthof_Hirsch,_Sarnthein Gasthof_Hirsch,_Sarnthein
Gasthof_Hirsch,_Sarnthein Gasthof_Hirsch,_Sarnthein
Gasthof zum Hirschen, Sarnthein

  Sarnthein ↣ Tschaufen

K km 245, L 19 km, H 1140 m, R 735 m, U 975 m, O 1992 m

Weil Frühstück erst 8 Uhr begann, stapfe ich halb zehn schon in sengender Hitze steil geradeaus einen Grashang hoch. Der Schweiß rinnt in Strömen. Am Wochenende sind viele Ausflügler im Auto unterwegs, die alle erst ab Sarner Skihütte loslaufen, die einen riesigen Parkplatz hat. Bis dahin habe ich schon 600 Höhenmeter geschafft, immer die Kehren der Straße abkürzend.

Aufstieg
Schweißtreibender Beginn in großer Hitze.
Kuhblockade
Kuhblockade vor der Auer Alm. Der Klügere (in dem Fall ich) gibt nach und steigt links über den Bach.

Der Strom der Wanderer wird an der Auener Alm etwas ausgedünnt, nur einige schaffen es bis zum höchsten Punkt der Etappe, der hohen Reisch mit den Stoanerne Mandln. Die riesige Kuppe mitsamt den vorgelagerten Hügeln steht voll davon. Der Berg ist wirklich surreal und beeindruckend!

Panorama in Druck-Ausgabe
Stoanerne Mandln
Stoanerne Mandln Stoanerne Mandln
Mehr Stoanerne Mandln
Mini Stoanerne Mandln
Letzte Ausläufer der Stoanernen Mandln.

Ab jetzt gehts wieder abwärts, zum Möltner Kaser, einem weiteren gut besuchten Ausflugslokal und zum Langfenn mit ebenfalls riesigem Parkplatz. Beides war im Wanderführer als mögliches Etappenende benannt. Bei meiner Planung hatte ich gefunden, daß beide keine Übernachtungen mehr anbieten. Zumindest für Langfenn scheint das nicht zu stimmen, denn es gibt Holzhüttchen als Ferienwohnungen zu mieten.

Langfenn Ferienhaus

Ferienhaus

Die Gegend um das Gut Langfenn sieht wie geleckt aus. Statt mit schnöden Elektrozäunen sind alle Weideflächen mit hohen Holzzäunen eingefaßt. Dazwischen breite geharkte Kieswege, auf denen einige Bänke und viele Wegweiser stehen. Man kann verschiedene Rundkurse gehen. Irgendwie weckt das bei mir die Assoziation eines Labyrinths, in dem man Ratten einen Ausgang finden läßt.

eingezäunter Weg Puppe
Solide eingezäunter Weg mit Rastplatz.

Ebenfalls seltsam ist der "Wald". Kann man Bäume noch so nennen, die in einem mittleren Abstand von 30 Metern stehen? Oder ist das eher eine Wiese mit Bäumen?

offener Wald Hütte im Wald
Kleines Haus im "Wald".

Ich hatte geplant, so weit zu gehen, wie ich komme, um am nächsten Tag mehr Zeit im Hotel verbringen zu können. 5 oder 6 Kilometer schaffe ich noch nach Langfenn. Der Wald ist an einigen Stellen wieder dichter geworden. Nach Tschaufen ist die Hochebene zu Ende und es wird steiler. Kurz davor suche ich mir neben einer Koppel einen Platz im Wald an der Abbruchkante. Auch diesmal ist es eine Kuhle, aber ich habe keine Lust weiterzusuchen. Es ist ein kleiner Wiesenfleck, auf dem keine Äste liegen, wo also vermutlich auch heute Nacht keine von den Bäumen fallen werden. Wegen kleiner Tümpel in der Nähe sind viele Mücken unterwegs.

Zelt neben Koppel GPS: 46.55381, 11.27024
Zelt neben Koppel

  Tschaufen ↣ Andrian

K km 254, L 9 km, H 65 m, R 1165 m, U 245 m, O 1376 m

In der Nacht gab es Regen und ein Gewitter. Glücklicherweise ohne nahe Einschläge. Auch ein armdicker Ast ist 10 Meter entfernt heruntergefallen. Ich hatte das nachts gehört und finde ihn anhand der frischen Bruchfläche. Am Morgen sind die Mücken immer noch aktiv. Ich gehe ohne Frühstück los.

Felswand Beginn des Abstiegs

Beginn des Abstiegs

Es geht meist steil bergab durch regenfeuchten Wald auf schmalen Pfaden, einmal auch auf einem aufgegebenen Asphaltsträßchen.

Terlan, Etsch, Andrian
Von vorn nach hinten: Terlan, Etsch, Andrian und die Felswand, die ich übermorgen hoch muß.
Brombeeren verfallene Straße
Entlang der verfallenen Straße kann ich mich satt essen.

Terlan betritt man durch Weinberge. Große Güter liegen zu beiden Seiten der Straße. Unten in der Etsch-Ebene überwiegen die Apfelplantagen bereit zur Ernte. Auch eine Kiwi habe ich entdeckt.

Terlan Brunnen in Terlan

Schicker Brunnen

Mein Plan sah vor, in Andrian auf der anderen Seite der Etsch einen Ruhetag einzulegen, um ausgeruht die Hammer-Etappe zum Penegal angehen zu können (2450 Meter hoch, 1360 Meter runter, 18 Kilometer lang). Ich frage in der Touristen-Info von Terlan schon mal nach, ob sie mir ein Quartier in Andrian buchen können. Nein, das geht nicht, aber die Frau versucht ihre Kollegin in Andrian anzurufen. Mittagspause.

Kirche in Terlan
Kirche in Terlan

Der Weg von Terlan nach Andrian ist nicht sehr angenehm. In glühender Mittagshitze geht es schattenlos erst entlang von Bahnanlagen dann unter der Bahnstrecke durch, über die schlammfarbene Etsch, über die Autobahn und an Apfelplantagen vorbei in den Ort. Anhand der Anzahl der in der Karte verzeichneten Quartiere hatte ich Andrian für den bedeutenderen Ort gehalten, aber vermutlich ist in Terlan mehr los. Für Letzteres spricht, daß gerade ein Markt abgehalten wurde und es mehr Läden gibt.

Etsch Apfelplantage
Apfelplantagen zu beiden Seiten der Etsch.

Mein erstes Ziel in Andrian ist der Schwarze Adler. Das Restaurant hat zwar Ruhetag, aber das Hotel betrifft das ja normalerweise nicht. Die Chefin teilt mir mit, daß ich Pech habe, sie sind wegen einer Reisegruppe komplett ausgebucht. Sie telefoniert die drei anderen Hotels im Ort an, aber auch die sind voll. Die Touristeninfo soll 15 Uhr öffnen, aber schon zwei Stunden früher ist eine Frau anwesend, die für mich verschiedene Pensionen anklingelt. Nichts, nur ein Ferienhaus für 120 € die Nacht ist noch frei. Ohne Frühstück ist mir das zu viel. Sie meint, eine Pension hat sie nicht erreichen können, ich soll es später noch mal bei ihr versuchen. Ich muß ohnehin warten, denn der Coop macht erst 15:30 Uhr wieder auf und ich brauche mindestens was Frisches.

Europäische Stechpalme
Europäische Stechpalme

Weil ich nicht mehr an eine Übernachtung in Andrian glaube, freunde ich mich schon mal mit der Idee an, einen Teil des Aufstiegs heute noch zu gehen, um dann morgen sicher das Panoramahotel Penegal zu erreichen. Statt 1 Tag Rückstand hätte ich dann 1 Tag Vorsprung. Allerdings gibt es wieder eine Planänderung, denn die Frau aus der Touristen-Info findet mich auf dem Marktplatz. Sie hat ein Zimmer für mich im B&B Trübenbach ausfindig gemacht. Vielen Dank!

Andrian, Garni Trübenbach GPS: 46.51320, 11.22951
Garni Trübenbach, Andrian

Ich komme zeitgleich mit der Mutter des Wirts dort an, die mir aufschließt. Ich habe die Wahl aus zwei Zimmern und nehme das günstigere für 50 € die Nacht. Es gibt einen Fernseher, Wlan und einen Kühlschrank, alles, was ich brauche. Der Coop erweist sich als sehr minimal. Nichts, was in der Obst- und Gemüseabteilung liegt, sieht wirklich gut aus. Ich nehme trotzdem ein Kilo Weintrauben, eine Packung steinharte Platt-Pfirsiche, Tomaten und die ansehnlichste Paprika. Dazu eine Flasche Rotwein für den Abend und ein kaltes Corona für sofort.

getrocknete Brote
Im Coop haben sie meinen Lieblingssnack, den ich in Dresden mal im arabischen Laden bekommen habe. Ich kaufe 4 Tüten.

Der Betreiber der Pension führt 3 Minuten entfernt auch eine Pizzeria. Weil die morgen Ruhetag hat, will ich sie mir wenigstens heute ansehen. Vom Garten aus hat man einen schönen Blick auf die Dolomiten. Man kann aus 50 Pizzen wählen, die in einem beeindruckenden Ofen mit rotierender Platte in Rekordzeit hergestellt werden. Ich nehme die Lachs und Rucola Pizza und bin zufrieden.

Lachspizza
Lachspizza

Der restliche Abend verläuft wie so häufig im Hotel mit Nachrichten schauen und Serien glotzen. Nachts um eins wasche ich meine lange eingeweichte Wäsche, damit ich morgen zum Frühstück eine Hose anziehen kann.


  Andrian

Wie angekündigt nehme ich einen Ruhetag. Auf der Frühstücksterrasse bleibt es lange schattig und kühl. Ich arbeite die Rückstände im Blog auf. 3 Wochen bin ich schon unterwegs und habe noch zwei weitere vor mir. Bis jetzt war die Wanderung sehr abwechslungsreich, von Hochgebirge bis zuletzt Mittelgebirge war alles dabei.


  Andrian ↣ Penegal

K km 269, L 15 km, H 2265 m, R 910 m, U 277 m, O 1849 m

Von Andrian aus sieht man vom heutigen Berg nur senkrechte Felswände. Wegen des langen Anstiegs hatte ich geplant, die Etappe zu teilen. Frühstück gibt es erst ab 8 Uhr, weswegen ich nicht vor 9 Uhr loskomme. Andererseits ist das späte Frühstück auch gut, denn ich hatte erst gestern Abend gemerkt, daß am Fernseher Netflix verfügbar ist. Bis 2 Uhr sehe ich mir One Piece an. Sehr lustig.

Burgruine Festenstein Gaider Bach
Diese steile Klamm hat der Gaider Bach ausgeschnitten.

Ich verschwinde alsbald im Wald und komme den ganzen Tag nicht mehr daraus hervor. Zuerst gehts steil einen Steig mit Leitern und Seilabsicherung hoch zur Burgruine Festenstein. Dort und am Moarhof in Gaid verschnaufe ich kurz im Schatten.

Burgruine Festenstein
Burgruine Festenstein. Die Tür ist abgeschlossen.
Moarhof Eule
Eule am Moarhof.
Zecken und Bären
Gewarnt wird vor Zecken und Bären.

Nach dem Weiler Gaid geht es sehr steil immer gerade den Hang hoch. Ziel ist die Gaider Scharte. Wenn man die passiert hat, steht man auf einer bewaldeten Hochebene.

Felswand Hangrippe
Nach der Querung geht es ohne Fisimatenten geradewegs die Rippe hoch, bis man ganz oben vor einem Felsband steht.
Burgruine Festenstein
Felsriegel
Felsriegel Durchlass
Links die Wand entlang gibt es einen Durchlaß.

Oben angekommen steht man auf einer waldbewachsenen Ebene. Es ist sehr einsam hier. Bisher bin ich niemandem begegnet, glücklicherweise auch keinem Bären.

Waldplateau Waldplateau
Waldplateau

Es geht noch ein Stück flacher bergauf, bis ich auf dem höchsten Punkt stehe, dem Gantkofel (1866 m). Das ist eine Klippe, von der man 300 Meter senkrecht herunterfallen kann. Wie man anhand des Gedenksteins vermuten kann, hat das schon jemand ausprobiert.

Steilwand-Opfer
Steilwand-Opfer
Panorama in Druck-Ausgabe
Blick vom Gantkofel
Radarstation
Radarstation auf dem Plateau (die Rundung kommt von meiner Kamera)
O Tannenbaum
"O Tannenbaum", den reserviere ich schon mal für Weihnachten.

Minimalziel war zwar, die Etappe zu teilen. Weil es gut lief, bin ich doch bis zum Panoramahotel auf dem Penegal gelaufen. Viele Menschen sitzen vor dem Hotel, um die Sonnenfinsternis zu erhaschen. Die Sonne zeigt sich nur hinter Wolken. Ein Zimmer bekomme ich leider nicht. Selbst die Belegschaftszimmer sind voll, wie mir ein Angestellter nach einer Weile Recherche versichert.

Hotel Penegal Wolken
Hotel Penegal mit schlechter Aussicht auf eine Sonnenfinsternis.

Ich ziehe weiter und baue das Zelt noch auf der Hochfläche zwischen mehreren Wegen auf. Viele Leute laufen dran vorbei, aber nur eine Frau, die auf der Suche nach einem stillen Örtchen ist, bemerkt mich. Abends reißen doch noch die Wolken auf und wenn ich eine Sonnenfinsternisbrille mitgehabt hätte, wäre ein Blick auf die 90% verfinsterte Sonne möglich gewesen.

Zelt Penegal GPS: 46.43366, 11.21200
Zelt auf dem Penegal in partiell verfinsterter Sonne.

  Penegal ↣ Bait del Vescovo

K km 284, L 15 km, H 775 m, R 1030 m, U 1353 m, O 1808 m

Ich habe gut geschlafen, die Sonne scheint, ich bin guter Dinge. Weil ich um 7 Uhr noch Mal einschlafe, komme ich erst gegen 9 Uhr los. Es gibt abweichend von den Hauptwanderwegen einen schmalen Pfad die Klippe entlang, den ich schon gestern gegangen bin und heute weitergehe. Man kann nur erahnen, was sich unten befindet, denn die Luft ist sehr diesig.

Kreuz auf dem kleinen Penegal
Kreuz auf dem kleinen Penegal

Aus heiterem Himmel bekomme ich einen Migräneanfall. Bei mir äußert sich das so, daß ich auf der linken Hälfte des Bildfelds nichts sehe. Kopfschmerzen habe ich erst mal keine. Ich lege mich ins Gras und tue das, was normalerweise dagegen hilft: Augen zu, Wasser trinken, ruhen. Auch die Sonnenbrille krame ich für den Weiterweg schon hervor. Nach einer halben Stunde ist wieder alles OK. Eine weitere halbe Stunde später das gleiche Spiel. Das ist neu! Ich hatte bisher nur einen Migräneanfall im Jahr und noch niemals mehrere davon an einem Tag.

Laut zwei Südtirolern, die ich auf einer Hütte getroffen hatte, sind die in die Karte des Wanderführers eingetragenen Übernachtungen am Mendelpaß, das Hotel Kaltererhof und die Albergo Dolomiti beide geschlossen. Deswegen hatte ich eine Übernachtung hier von vornherein ausgeschlossen. Der Ort ist allerdings trotzdem voller Menschen.

Mendelpaß Wanderer am Mendelpaß

Wanderer am Mendelpaß

Vom Mendelpaß ergießen sich unzählige Wanderer in alle Richtungen. Alle wandern auf breiten kiesbelegten Wirtschaftswegen. Was Besseres findet sich den ganzen Tag nicht. Es gibt auch wieder Fahrradfahrer, die ich die ganze letzte Woche, nun, nicht vermißt hatte. Ich bekomme einen dritten Anfall, laufe diesmal aber einfach weiter, halbblind von Migräne, Sonnenbrille und Schweißtropfen auf den Gläsern. Die Sehstörungen gehen auch von selbst wieder weg und werden ersetzt durch leichte Kopfschmerzen.

Malga di Romeno Malga Amblar

Malga Amblar

Entlang meines Weges reihen sich die Ausflugslokale wie in einer Perlenkette: Enzianhütte, Halbweghütte, Malga die Romeno. Von den ersten beiden bekomme ich jeweils eine Trinkflasche aufgefüllt. Das Geschäft brummt, alles ist voller Leute. Bei der nächsten, Malga di Amblar, bin ich mir nicht sicher, ob sie bewirtschaftet ist oder die große Gruppe Menschen davor sich selbst versorgt.

Quellenwächter
Quellenwächter

Danach werden die Wanderer weniger und auch die Hütten bieten nichts mehr an: Malga di Don, Malga Sanzeno. Den Schluß machen die Selbstversorger-Biwaks. In OSM eingezeichnet ist das Bait del Vescovo, das ich mir als Etappenziel ansehen möchte. Einen Kilometer davor liegt das Bait del Zoanello. Die Tür läßt sich öffnen, innen ist es kühl. In einem Raum stehen Tische und Stühle und ein Gasherd.

Bait del Zoanela Bait del Zoanela
Bait del Zoanela

Wenige Meter vor meinem Ziel liegt noch eine weitere namenlose Schutzhütte. Auch sie ist offen und bietet einen Aufenthaltsraum. Ein Hüttenbuch liegt auf dem Tisch, aber ich habe vergessen, darin nach dem Namen zu sehen.

namenlose Schutzhütte
Namenlose Schutzhütte

Die Tür der dritten Hütte ist mit drei Vorhängeschlössern verriegelt. Wahrscheinlich müssen der 1. Vorsitzende, sein Stellvertreter und der Schatzmeister des Vereins gleichzeitig anwesend sein, um Zutritt zu bekommen. Offen ist nur ein kleiner Raum auf der Rückseite. Ich habe es aber ohnehin nicht auf die Schlafräume abgesehen, sondern auf den geraden Fleck Wiese vor der Hütte, wo ich nachher das Zelt aufstellen werde. Hoffen wir mal, daß kein Bär kommt. An den Schutzhütten bin ich völlig allein. Meinen Abfall lege ich über die Nacht vor die verriegelte Tür, die über Gitterroste für Bären nur schmerzhaft zu erreichen ist.

Bait del Vescovo, 3 Schlösser Bait del Vescovo, Winterraum

Bait del Vescovo, Winterraum

Ich mache ein Fertiggericht warm, trinke Tee und erhole mich auf der großen Bank vor der Hütte.

Zelt vor Biwak GPS: 46.37138, 11.1479
Zelt vor der Bait del Vescovo

  Bait del Vescovo ↣ Molveno

K km 392, L 8 km, H 190 m, R 760 m, U 789 m, O 1376 m

Morgens brummt mir der Schädel, als hätte ich die Nacht durchgezecht. Ich koche Kaffee und frühstücke am Tisch. Gestern Abend hatte ich mir angesehen, wie es weitergehen könnte. Von Coredo fährt ein Bus nach Dermulo, von dort die Schmalspurbahn nach Mezzolombardo und dort wieder ein Bus nach Molveno. Ziemlich geradlinig überspringe ich drei Etappen.

Abkürzung
Abkürzung der Tour

Der Wanderführer empfiehlt selber die Kleinbahn, um die langweiligen Apfelplantagen zu vermeiden. Die Nana-Hochebene kenne ich schon, ich war erst vor zwei Jahren dort. Weil ich kein Klettersteigset mithabe, müßte ich den langweiligen Anstieg vom Lago di Tovel nochmal gehen. Der Sprung nimmt mir den Druck, den einen Tag noch aufholen zu müssen, den ich vor einer Woche verloren habe.

Bait del Silvano Bait del Silvano
Bait del Silvano, abgeschlossen.

Der restliche Abstieg nach Coredo ist einfach. 10 Minuten nach meiner Schutzhütte steht noch eine weitere recht hübsche. Allerdings abgeschlossen. So gut geschützt habe ich bisher noch nie gefühlt! Vier Schutzhütten auf anderthalb Kilometer. In Coredo habe ich noch Zeit, etwas einzukaufen. Der erste Bus kommt 10 Minuten verspätet, so daß ich Sorge habe, daß der ganze Plan kippt. Aber es klappt alles. Drei Stunden später bin ich in Molveno.

Tavon-See Bahn

Bahn nach Mezzolombardo

Ein hübscher Touristenort mit vielen Hotels am Ufer des gleichnamigen Sees. Direkt gegenüber der Bushaltestelle steht ein Info-Kiosk. Ich will keine Zeit verlieren und sofort mit der Hotelsuche beginnen. Mir ist bewußt, daß es schwierig wird, denn es ist Wochenende und morgen ist Maria Himmelfahrt, in Italien ein Feiertag.

Brandherd Molveno

Molveno

Der junge Mann in der Info fragt am Computer Hotel für Hotel ab, ob noch was frei ist. Ich kann den Bildschirm nicht sehen, aber er informiert mich über den Fortschritt. 10 Hotels geschafft, dann 20. Zwischendurch beantwortet er, ohne vom Computer aufzublicken, die Fragen anderer Hilfesuchender. Nach 25 Minuten atmet er auf. Er hat es geschafft! Null von 30 Hotels haben ein Zimmer frei. Was für eine Dystopie! Menschen als billige Arbeitssklaven für eine Maschine, die das in Millisekunden zusammenfassen könnte.

Bei drei Hotels konnte die Software die freien Betten nicht abfragen. Er gibt mir deren Telefonnummern und ich rufe als Erstes das Hotel Excelsior an. Ja, es ist noch was frei, für 139 € die Nacht. Als ich dort ankomme, stellt sich heraus, das war ein bedauerlicher Fehler. Das Dreibettzimmer kostet jetzt 201 € ohne Frühstück. Nein, danke! Ich plane, noch bei einigen Hotels nachzufragen, die ja alle auf einem Haufen liegen, und notfalls weiterzugehen und im Wald zu übernachten.

Karte
Die Karte von der Touristeninfo.

Das Hotel daneben, das Panorama, ist ebenfalls ausgebucht. Der Empfangschef zückt sein Handy und sucht auf booking.com Quartiere für 2 Personen (das würde seiner Meinung nach mehr Quartiere zutage fördern, als wenn man eine Person eingibt). Booking.com war mir auch an der Info-Bude schon eingefallen, aber ich wollte den Menschen nicht brüskieren, der da so hart für mich schuftete. Die Suche zeigte 2 Funde im Ort: Das Chalet Edelweiss hat für 200 € ein Doppelzimmer und irgendwas anderes für 440 € war noch frei. Der Mann weiß sofort, wo das Chalet liegt, nämlich am oberen Ende des Lifts. Er fragt, ob er anrufen soll, und ich willige ein. Für eine Person beträgt der Preis nach einigem Nachdenken auf der Gegenseite 120 € mit Halbpension. Auf den Lift bekommen Hausgäste 50 % Rabatt. Das mache ich. Allein wäre ich auf diese Lösung sicher nicht gekommen. Vielen Dank für die Hilfe!

Seilbahn Molveno
Mit der Seilbahn fahre ich bis zur mittleren Station.

So komme ich heute doch noch in die Brenta, wenn auch nur ein kleines Stück. Ich kaufe ein Liftticket für hoch und runter für 10 € und gondele zur ersten Station. Oben sitzen viele Menschen in der Sonne und genießen den Anblick der imposanten Felstürme. Das Gelände vor dem Chalet ist ein riesiger Abenteuerspielplatz.

Spielplatz Klettergarten
Abenteuerspielplatz und Klettergarten.

Auch das Chalet selbst ist sehr kinderfreundlich. Es sitzen nur Familien mit Kindern beim Abendbrot. Als Hauptgang habe ich mich für Carpaccio di Bresaola entschieden, dünne dunkelrote Scheiben vom Pferd mit Parmesan und Rucola. Schmeckt intensiv und gut. Erinnert mich an meine Studentenzeit, als ich jedes Wochenende Pferdefleisch gegessen hatte, weil es billig war. Zum Dessert gab es Erdbeeren mit Schlagsahne, einfach und köstlich.

Chalet Edelweiss GPS: 46.15162, 10.96326
Chalet Edelweiss

  Molveno ↣ Ranzo

K km 302, L 10 km, H 990 m, R 530 m, U 825 m, O 1776 m

Wichtel Bergsteiger-Denkmal
Wo so viele Menschen zusammenkommen, ist Geld da für Kunst und Kultur.

Frühstücksbeginn ist acht Uhr. Bis dahin habe ich schon fertig gepackt. Für einen weiteren Tag war das Zimmer nicht frei. Nach neun geht es erst los, mit der Seilbahn abwärts. Unten im Ort war schon viel Betrieb. Wenn ich geahnt hätte, daß der Conad-Supermarkt sogar am Feiertag ganztägig geöffnet hat, hätte ich nicht die zwei Äpfel aus der Obsttheke stibitzen müssen. Kommerz schlägt Maria.

Lac di Molveno Conad

Der Supermarkt hat offen.

Pferdekopf
Das Pferd frißt meinen Hut!

Sobald ich in den Wald aufsteige, bin ich wieder allein. Der Aufstieg verläuft steil in Serpentinen auf schmalen Waldpfaden. Oben hat man einen tollen Ausblick auf das Brenta-Massiv, über dem sich schwarze Wolken bilden. Es gab gestern schon in einer Steilwand eine Rauchsäule, heute qualmt es an der Stelle noch mehr. Außerdem sammeln sich Gewitterwolken. Ab 14 Uhr rumpelt es. Über meinem Gebirge, Monte Gaza, ist noch wolkenloser Himmel.

Brenta
Die Brenta brennt!
Panorama in Druck-Ausgabe
Auf dem flachen Rücken des Monte Gaza.

Als ich auf der Hochfläche über einen Grashügel steige, sehe ich auf einmal den Gardasee vor mir, das Ziel meiner Wanderung und links daneben den Monte Baldo, das letzte herausfordernde Bergmassiv. Das Ziel ist nahe!

Gardasee
Gardasee im Dunst auf 1 Uhr (nicht der See links)
Herz Elektrozaun

Um einen Elektrozaun zu überwinden, hält man mit der linken Hand die Öse fest und hakt mit der rechten den gut isolierten Griff aus. Nach der Durchquerung in umgekehrter Reihenfolge wieder zusammenstecken.   ;-)

Ich weiß nicht, wo ich heute schlafen soll. Das einzige Hotel im Zielort, das Ideal, ist sicher feiertags ebenfalls voll, nach dem Theater gestern. Bis dahin steige ich im Steilhang ab, wo es unwahrscheinlich ist, einen waagerechten Zeltplatz zu finden, und unten ist sicher jeder Quadratmeter für Apfelplantagen genutzt. So zögere ich nicht, sofort das Zelt aufzubauen, als ich unterhalb des Wegs im Hang eine Terrasse sehe. Im Buchenwald finde ich einen schönen ebenen Schlafplatz. Es ist erst 16 Uhr und ich hatte den Abstieg gerade erst begonnen. Eine halbe Stunde, nachdem das Zelt steht, beginnt es zu nieseln und ich ziehe mich von vor dem Zelt ins Zelt zurück.

Zelt im Hang GPS: 46.07861, 10.95082
Zelt im Hang

  Ranzo ↣ Sarche

K km 308, L 6 km, H 65 m, R 1135 m, U 246 m, O 1319 m

Es ist eine sehr unruhige Nacht. Nach dem Regen ist es windstill. Jedes Rascheln im Laub und jedes knickende Zweiglein ist deutlich zu vernehmen. Phantombären umstreifen das Zelt. Ich schrecke mehrmals auf und leuchte rundum alles ab, sehe aber nichts.

Wie all die anderen Male, die ich auf dieser Tour im Zelt verbracht habe, schenke ich mir früh den Kaffee und frühstücke mit Wasser. Das Laub ist viel zu trocken. Zwei Flugzeuge fliegen die ganze Zeit über mir hin und her. Vermutlich Löschflugzeuge, wegen des dichten Blätterdachs über mir kann ich es nicht erkennen. Ich schnuppere, ob der Waldbrand nahe ist und ich losrennen sollte, rieche aber nichts.

Malga Bael Löschflugzeug Canadair CL-415
An der Malga Bael verlasse ich den Wald und sehe, daß es sich wirklich um Löschflugzeuge handelt.

Vor Renzo mache ich meine erste Rast. Ich stelle fest, daß ich keinen Ausweis mehr habe. Das letzte Mal habe ich den zum Einchecken im Chalet gebraucht, also wird er noch da rumliegen. Selten dämlich von mir, das beim Auschecken nicht zu überprüfen, aber auch ein wenig unprofessionell vom Hotel, das nicht zu merken. Ich checke meine Optionen. Irgendwohin schicken lassen? Auf jeden Fall nicht nach Hause, denn ich brauche ihn für den Rückflug. An ein Hotel? Nehmen die auch Post von Leuten an, die dort noch nicht gebucht haben? Oder soll ich mich jetzt schon für ein Hotel entscheiden und dort buchen? Ist mir zu unsicher, ich werde zurückfahren und den Ausweis selber abholen.

Ranzo Kletterer im Gola di Toblino

Kletterer im Gola di Toblino

Die gleiche Strecke zurückzulaufen wäre zu deprimierend. Dummerweise ist heute Sonntag und von Renzo aus fährt erstmal nichts. Dann entdecke ich, daß die Linien zwischen den großen Zentren auch sonntags ohne Einschränkung fahren. Ich laufe so schnell es geht die 4 Kilometer abwärts zum Castel Toblino, einer Burg im gleichnamigen See, und erwische an der Bushaltestelle den 20 Minuten verspäteten Bus nach Trento. Um zurück nach Molveno zu gelangen, muß ich 10 Kilometer nach Osten, 10 nach Norden und 10 nach Westen. In Trento rufe ich im Chalet an und sie haben den Ausweis gefunden und bieten mir an, ihn mit dem Lift mitzugeben, damit ich ihn unten abholen kann. So spare ich die 10 € Liftgebühr. Ohne große Pause geht es mit dem nächsten Bus nach Molveno. Gut, daß der Bus die 600 Meter hochklettert und ich das nicht tun muß. Ich nehme am Lift den Ausweis in Empfang und fahre gleich wieder zurück. Busfahren ist in Italien einfach und billig. Das Ganze kostet 15 € und obwohl alle anderen mit diversen Tickets auf den Handys einsteigen, kann ich immer auch beim Fahrer bezahlen.

Molveno
Nochmal Molveno. Es regnet. Ich freue mich wieder über die Entscheidung, die Brenta zu überspringen.

Fünf Stunden später komme ich wieder am Castel Toblino vorbei. Als kleinen Bonus lege ich die zwei Kilometer entlang der vielbefahrenen Straße auch noch im Bus zurück und steige in Sarche direkt vor dem Hotel Ideal aus. Das war eigentlich das gestrige Etappenziel. Unterwegs hatte ich gesehen, daß ein Zimmer frei war und das bei booking.com gebucht. So spare ich mir heute weitere Überraschungen. Ich trödle ein wenig herum und entdecke dann, daß der Supermarkt gegenüber dem Hotel am Sonntag bis 19 Uhr geöffnet hat. Ich kaufe wieder mal zu viel ein, was ich morgen alles schleppen muß.

Sarche GPS: 46.04687, 10.95190
Hotel Ideal, Sarche

  Sarche ↣ Nago

K km 335, L 27 km, H 840 m, R 860 m, U 83 m, O 364 m

Heute eine leichte Etappe. Es geht auf einem gut besuchten Fahrradweg die Sarca entlang. Höhepunkt ist die Durchquerung der Blockwüste Marocche, die beim Bergrutsch von der Flanke des Bergs gegenüber entstanden ist. Durch den gestrigen Regen riecht die Natur sehr intensiv, sowohl die Obstplantagen, als auch der Kiefernwald.

Sarca Sarca
Der Radweg verläuft entlang der Sarca.
Pflaumen Äpfel
Die Pflaumen, für die das Tal berühmt ist und unglaublich ertragreiche Apfelbäume.
Ranzo Marocche di Dro

Marocche di Dro. Die Blöcke aus der Flanke liegen im Vordergrund.

Bei einer Rast treffe ich auf Verena, Alex und Leonhardt. Sie gehen den Dinosaurier-Rundweg. Ich freue mich, mal wieder mit jemandem quatschen zu können und schließe mich ihnen an. Nachdem der Weg geschafft ist, nehmen sie mich auf einen Kaffee mit zu ihrem Quartier in Arco direkt unter der Burg. Die Touristen-Info öffnet erst 14 Uhr und ich muß noch eine Stunde herumbringen.

Arco Burg Arco
Arco und Burg Arco.
Arco mit Burg
Sarca, Arco und Burg.

Der Mann in der Information findet vier Hotels, eines etwas außerhalb in der Richtung, aus der ich komme, und drei im Ort. Hier fangen die Preise bei 150 € an. Wäre ich bereit, zu bezahlen, aber weil er auch andere Orte buchen kann, frage ich ihn nach Nago. Das liegt schon auf der morgigen Etappe und die ist recht happig. Jede Abkürzung wäre da willkommen. Er findet das Hotel de Nac für 116 € und kann es mir auch gleich reservieren. Eigentlich war der Plan, in Arco einen Gammeltag einzulegen. Weil in zwei Tagen eine große Regenfront angekündigt ist, verschiebe ich das und will sehen, daß ich noch auf den Monte Baldo komme.

Blaue Passionsblume Frucht der Blauen Passionsblume
Die Blüten der Blauen Passionsblume sehen aus wie am Reißbrett konstruiert, die Früchte wie ein mit Marmelade gefüllter Pfannkuchen.
Modellflugplatz neuer Park

Dieser nigelnagelneue Park ist fertig gebaut und wartet auf die Einweihung. Ich wäre gern der Erste gewesen, war aber noch abgesperrt.

Gardasee Gewitterstimmung

Gewitterwolken hinter mir.

Während ich die 5 Kilometer nach Nago gehe, braut sich hinter mir ein Gewitter zusammen. Erste Blitze zucken schon und treiben mich maximal an. Ich trete in die Tür des Hotels und 10 Sekunden später gießt es wie aus Kübeln.

Hotel de Nac, Nago GPS: 45.87832, 10.89019
Hotel de Nac, Nago, 30 s vor dem Regenguß.
Foyer Hotel de Nac Regenschauer

Blick aus dem Zimmer.

Nach einer Stunde ist der Regen vorbei und ich entdecke, daß hinter der Front der Hotels an der Fernverkehrsstraße ein hübsches verträumtes Dorf liegt. Fotos auf dem Putz der Häuser erinnern an altes Handwerk. Auch im ehemaligen Geschäft des Schusters gibt es alte Fotos zu sehen und viele Stellen sind liebevoll bemalt.

Schuster Schuster
Die Werkstatt des Schusters.
Schmied Bild
Foto des Schmieds und Bilder auf dem Putz.

Im Hotel spielt den ganzen Abend sehr ausdauernd eine Band. Sie haben ein riesiges Repertoire alter Blues-Stücke und der Sänger hat sich eine schöne rauchige Stimme zugelegt.


  Nago ↣ Rifugio Altissimo Damiano Chiesa

K km 346, L 11 km, H 1930 m, R 115 m, U 228 m, O 2060 m

Steinburger
Verschimmelter Steinburger

Anfangs geht es durch Weinpflanzungen. Als ich den Waldrand erreiche, stehe ich unvermittelt vor einer Absperrung. Wegen eines Brandes 2022 ist die Sicherheit von Ankern in der Felswand nicht mehr gewährleistet, steht da. Wo das Problem ist und wie ich es umwandern kann, erfahre ich nicht. Keine Skizze, keine Vorankündigung. Frustriert gehe ich wieder zurück und nehme die Straße. Auch alle anderen Stellen, an denen der Wanderweg auf die Straße trifft, sind verbarrikadiert. Erst oberhalb der Felswand geht es normal weiter.

Absperrung Zutritt verboten
Als Absperrung mußte alles herhalten, was sie in die Finger bekommen haben.
Absperrung Absperrung
Die Absperrungen weiter oben.
Vogelhäuschenburg Spiegel

Selfie-Spot

Der weitere Aufstieg ist steil, immer die Kehren der Asphaltstraße abkürzend. An der Sorgente Aqua d' Oro gibt es das letzte Wasser für heute und morgen, falls man nicht im Refuge übernachtet. Wasser ist im Kalk Mangelware. Ein Schild sagt "Kein Trinkwasser". Ich nehme trotzdem 2 Liter davon mit. Notfalls koche ich es ab. Gas habe ich noch jede Menge.

Schutzhuette Acqua d' Oro

Goldquelle

Auf 1500 Meter Höhe ist ein Parkplatz, von dem aus normale Menschen den Aufstieg beginnen. Ab da wird es manchmal flacher und ich kann die Schotter-Serpentinen nehmen. Bei 1700 m trete ich das erste Mal aus dem Wald und sehe das Etappenziel. Unmassen Fliegen umschwirren mich und attackieren Augen und Nase. Ich könnte zwar die Fliegengaze über den Hut tun, aber dann würde es sich anfühlen, als würde mein Kopf in einem Schnellkochtopf stecken. Mir tropft der Schweiß auch so schon. Bleibt nichts als wedeln, fluchen, wedeln.

Monte Altissimo di Nago erstes Zelt am Monte Altissimo di Nago

Erstes Zelt in einer Senke.

Scherenschnitt Riva del Garda

Riva del Garda

Das Refuge steht auf einer weitläufigen Graskuppe. Ich komme in einem 6-Bett-Zimmer unter. Auf einer Terrasse gegenüber steht schon ein Zelt. Ein Paar baut seins neben der Kirche auf. Hätte ich auch machen können, aber ich entscheide mich mal wieder für Vollverpflegung. Es ist sehr stürmisch.

Rifugio Altissimo Damiano Chiesa Schlafraum
GPS: 45.81037, 10.89037
Rifugio Altissimo Damiano Chiesa

Ich sehe mir den Hügel von allen Seiten an und lege mich auch mal für eine Weile ins Gras. Man sieht die Berge rundum, aber für gute Fotos ist es zu diesig. Der Boden ist durchfurcht von Stellungen und Schützengräben aus dem Ersten Weltkrieg. An einer Stellung tauchen zwei Gämsen auf.

Wolken
Ich schaue den Flugzeugen zu.
Panorama in Druck-Ausgabe
Blick vom Monte Altissimo di Nago.
Gämse Gämse
Gämsen an den Schützengräben und Geschützstellungen.
Reflektoren zweites Zelt

Ein zweites Zelt wird an der Kapelle aufgebaut.

Im Menü gibt es als Hauptgang Polenta. Nicht mein Favorit, aber mit Gulasch und Sauerkraut OK. Es ist wahnsinnig laut im Gastraum. An meinem Tisch sitzt ein Paar mit ihrer kleinen Tochter. Sie sind mit sich beschäftigt, teilen aber ihren Liter Wein mit mir. Auch spät am Abend kommen immer noch neue Gäste, die mit Hunden im Winterraum schlafen oder in 5 weiteren Zelten.


  Rifugio Altissimo Damiano Chiesa ↣ Rifugio Telegrafo

K km 362, L 16 km, H 1160 m, R 1065 m, U 1395 m, O 2169 m

Die Nacht war angenehm ruhig, ich schlafe gut. Punkt sieben bin ich beim Frühstück, dadurch schaffe ich den frühesten Start auf dieser Tour.

Kammweg
Auch heute kann ich den Weg schon weit einsehen. Es geht am Monte Baldo vorbei.

Es geht abwärts, zuerst über Wiesen an einer Abbruchkante, dann durch Wald. Von der Kante sehe ich in meinem Massiv eine Rauchsäule aufsteigen. Der Wald im Steilhang zum Gardasee brennt. Minuten später kommt auch schon ein Hubschrauber, um zu löschen. Stundenlang holt er Wasser aus dem Stausee Torrente Aviana, fliegt es über den Bocca di Navene auf die andere Bergseite und kippt es dort über dem Brand aus. Vermutlich ist es günstiger, das Wasser aus dem 1100 Meter hohen Stausee zu holen, statt es aus dem Gardasee 1500 Meter anheben zu müssen.

Rauchwolke Löscheinsatz
Kaum sehe ich den Brand, wird er auch schon bekämpft.

Am Paß stehen einige Autos, aber viel mehr Menschen werden durch die Lifte gebracht. Es sind viele Wanderer unterwegs. Die Wiesen neben dem Lift sind der ideale Startplatz für Paraglider. Einige sind schon in der Luft, andere starten oder kämpfen mit der Technik. Zwei zeigen haarsträubende Kunststücke. Sie lassen es so aussehen, als würden sie abstürzen, um einen Meter über dem Boden wieder durchzustarten. Und das sogar als Tandemflug.

Panorama in Druck-Ausgabe
Am Cime di Ventrar habe ich nach kurzem Abstieg wieder die Kammhöhe erreicht.
Gleitschirmflieger am Boden Gleitschirmflieger in der Luft
Gleitschirmflieger am Boden und in der Luft
Gleitschirmflieger Start Gleitschirmflieger Kunststücke
Start und angetäuschte Landung
Tandemflug Tandemflug
Objekte durch ein Weitwinkelobjektiv gesehen sind näher, als man denkt! Mein Nebenmann duckt sich vorsorglich, als wir überflogen werden.
Liftstation Sessellift
Die Lifte bringen unentwegt neue Besucher.

Der Weg durch die Bergkette des Monte Baldo ist eine nette alpine Kammwanderung, wie ich sie auf dieser Tour bisher nur selten hatte. Je weiter ich mich vom Lift entferne, desto weniger Wanderern muß ich ausweichen. Jetzt begegne ich auch noch mal Gämsen, einer Mutter mit ihrem Jungen und einem Einzelgänger.

Cima delle Pozzette Monte Baldo

Monte Baldo

Rückschau Monte Baldo Umgehung

Monte Baldo Umgehung

Gämsen auf dem Weg Gämsen auf dem Weg
Der Jogger stoppt wegen Gämsen auf dem Weg.
Experiment Experiment
Erst nachdem ich den Zettel durchgelesen hatte, bemerke ich das Experiment über mir.
Gäms Kabelsalat am Lift

Kabelsalat am Lift. Später erfahre ich, daß das bloß ein Telefonkabel ist und der Lift trotzdem als Lastenaufzug funktioniert.

Das Rifugio Telegrafo nimmt mich auf. Es ist mal nicht sehr voll. Ich genieße die Unterhaltung mit einem jungen Deutschen, der auf der Hütte ist, um bei seiner Freundin zu sein, die hier arbeitet.

Rifugio Telegrafo GPS: 45.70488, 10.83038
Rifugio Telegrafo

  Rifugio Telegrafo ↣ Affi

K km 385, L 23 km, H 340 m, R 2290 m, U 186 m, O 2144 m

Gegen 6 gab es ein kurzes Gewitter. Unverändert ist für 14 Uhr ein Unwetter angekündigt. Bis dahin muß ich den größten Teil der Strecke geschafft haben. Ein Frühstück ohne Butter ist eine staubtrockene Angelegenheit. Ich kaue lange auf meiner Schinkenstulle herum. Glücklicherweise hatte ich mir noch einen Joghurt dazu gewünscht.

Klappbetten
Hochklappbare Betten sind eine tolle Lösung, um sich nicht den Kopf zu stoßen!
Kapelle Gämsen
Ich werfe einen Blick auf die Kapelle hinter der Hütte und werde schon beim Losgehen von den ersten Gämsen begrüßt.

Von der Hütte aus nehme ich wie gestern die Serpentinen und nicht den Weg für Spezialisten geradeaus an der Bergflanke. Ich will mich in Sichtweite der Hütte nicht blamieren. Zum Auftakt führt mich der Weg heute noch um den letzten der schroffen Berge der Kette, den Punta Sascaga (2152 m) herum. Diese Spitzen haben wohl in jeder Eiszeit aus dem Eis herausgeschaut.

Hangweg Militärweg
Ein Militärweg führt zum Punta Sascaga.

Danach geht es über vom Gletscher rundgeschliffene Grasrücken. Die bieten den Gämsen viel Futter, überall über und unter mir sieht man welche.

Gämsen Gämsen
Gämsen vor der Bocchetta di Coal Santo.
Sessellift Kamm
Die ersten Tagesgäste kommen mit dem Sessellift zu den Hütten.

Weiter geht es durch eine Moränenlandschaft. Die Täler haben keine Abflüsse zu irgendeiner Seite, sondern der tiefste Punkt liegt in der Mitte. Dort sehe ich mein letztes Murmeltier. Im Wald geht es dann steiler abwärts.

Limbo Waldweg

Abstieg im Wald.

Vor der Ruine von La Fabbrica zeigt BackcountryNavigator immer die gleiche Position mitten auf dem Weg an, ohne daß ich das beim gelegentlichen Draufschauen bemerke. Prompt verlaufe ich mich und gebe auch zwei Joggern noch den falschen Tip. Tut mir leid. Wenig später treffe ich auf zwei Mountainbiker, die wieder in einfacheres Gelände wollen. Denen kann ich helfen. Ich bekomme von ihnen den Tip, daß 14 Uhr ein Unwetter losgehen soll.

La Fabbrica Markierung

Der Weg ist übermarkiert.   ;-)   Ich gehe hier falsch geradeaus.

Caprino Veronese
Caprino Veronese, das Ende der Alpen.

14 Uhr passiert nichts. Eine Stunde später bin ich in Caprino Veronese. Ich überlege, ob ich mich im Ein-Stern Hotel Locanda al Centrale einquartiere. Das scheint offen zu sein. Das San Marco gegenüber hat Betriebsferien und ich weiß auch nicht, ob sie überhaupt vermieten. Das Wetter ist weiterhin schön und ich beschließe, zum Etappenziel in Affi zu gehen. Halb sechs treffe ich da ein und bekomme im Locanda Moscal ein hübsches lichtdurchflutetes Zimmer. Leider ist das WLAN kaputt, man denkt, wegen des Sturms. Ich habe keinen Sturm bemerkt.

Locanda Moscal, Affi GPS: 45.55246, 10.77174
Locanda Moscal, Affi

Erst als ich frisch geduscht zum gigantischen Einkaufspalast gehe, nieselt es leicht. Ich gönne mir heute mal Sushi.


  Affi

Frühstück ist nicht im Übernachtungspreis drin, aber auf dem Tisch steht ein Wasserkocher. Ich koche Kaffee und einen Pudding und knabbere Cantuccini. Früh weckt mich noch die Sonne, doch nach dem Frühstück ist es dunkel und wolkenverhangen. Die Alpen liegen hinter mir, jetzt muß ich auf der letzten Etappe nur noch ans Südende des Gardasees nach Peschiera del Garda kommen.

Locanda Moscal
Mein Zimmer im Locanda Moscal hat drei große Fenster.

Um neun pladdert der Regen los und es blitzt vereinzelt. Diesmal glaube ich dem Wetterbericht, daß das den ganzen Tag so bleiben wird. Ich verlängere mein Zimmer um einen Tag. Dabei habe ich Glück, denn das war gestern und heute das einzige freie Zimmer. Durch das Auslassen der Brenta-Etappen, den Aufstieg in das Monte Baldo Massiv in nur einem Tag und den nicht genutzten Ruhetag in Arco habe ich auf einmal 3 Tage Vorsprung gegenüber meinem Plan. Da hänge ich gerne mal einen Tag rum, auch wenn das fehlende WLAN schwer wiegt. Mein 1 GB Handy-Datenvolumen dürfte bald aufgebraucht sein.

Für die letzten drei Tage buche ich mir etwas außerhalb von Peschiera del Garda ein Hotel. Die Preise sind in der Gegend sehr hoch, aber ich will es nicht auf eine Suche in letzter Minute ankommen lassen. Normalerweise laufe ich einfach weiter auf dem Track, wenn ich nichts finde, und suche eine Zeltstelle. Am Ziel angekommen, geht das nicht mehr.


  Affi ↣ Peschiera del Garda

K km 409, L 24 km, H 245 m, R 365 m, U 64 m, O 319 m

Morgens koche ich mir einen Kaffee und beginne den Tag mit Gebäck und Obst.

Wenn ich gesagt habe, daß die Alpen überwunden sind, stimmt das nicht ganz. Einen Berg haben die Wanderbuchautoren übriggelassen, und zwar den direkt hinter dem Hotel. Auf den geht es am Morgen 100 Meter hoch. Danach schlängelt sich der Weg noch über mehrere kleine Hügel, häufig durch Weinplantagen. Das Wetter ist wieder traumhaft schön. Es scheint die Sonne, ist aber noch nicht zu heiß.

Gardasee
Vom letzten Hügel sehe ich auf das Südende des Gardasees.
Wein mit Rosenstock
Weinstöcke haben hier diese Dachform und immer einen Rosenstock am Anfang jeder Zeile.

15 Uhr erreiche ich den Gardasee. Ab jetzt geht es noch 7 Kilometer am Ufer entlang, bis ich am Hotel bin. So richtig hübsch ist die Küste nirgends. Es ist viel Beton verbaut und viele Dienstleistungen werden marktschreierisch angeboten.

Gardasee-Ufer Gardasee-Ufer
Endlich am Gardasee!
Kanal in Peschiera del Garda
In Peschiera del Garda angekommen. Am rechten Ufer ist gerade ein Freiluftkonzert.
Altstadt Peschiera del Garda Uferprommenade Peschiera del Garda

Noch 3 Kilometer die Uferpromenade lang und ich bin am Hotel.

Hotel Nettuno, Peschiera del Garda Hotel Nettuno, Peschiera del Garda
GPS: 45.45240, 10.66422
Hotel Nettuno, etwas außerhalb von Peschiera del Garda.

Geschafft! Ich bin am Ziel angekommen.

Alles Nötige für den 3-tägigen Hotelaufenthalt besorge ich mir im 200 Meter entfernten Lidl. Leider liegt mein Zimmer ebenerdig, so daß es die Mücken am Abend leicht zu meiner Terrasse schaffen.


  Peschiera del Garda

Mein Zimmer ist recht groß und bietet alle Annehmlichkeiten eines Appartements (Wasserkocher, Kaffee- und Teeauswahl und Kühlschrank), so daß ich mir nicht sicher war, ob die typischen Hotelservices wie Bettenmachen überhaupt stattfinden. Nicht daß ich das brauche, aber ich wollte es gerne wissen. Aber ja, es gibt ein gutes Frühstück und die Betten werden gemacht. Es ist nicht viel los im Hotel, beim Frühstück sind nur 4 Tische eingedeckt.

Mikrobrot
Im Brotkorb liegen unter anderem diese lustigen Mikro-Brote.

Ich laufe an der Hauptstraße zurück nach Peschiera del Garda um die Bushaltestellen zu suchen, von denen ich am letzten Tag abfahren kann. Den ersten freien Tag verbringe ich im Ort. Peschiera del Garda ist eine Festung, die die Venezianer im 14. und 15. Jahrhundert in den Abfluß des Gardasees gebaut haben, um dieses Gebiet zu kontrollieren. Während übliche Festungen auf festen Felsen ruhen, ist diese auf in den Fluß gehauenen venezianischen Eichenstämmen errichtet, auf denen man dann ganz normal Unmassen an Steinen aufgeschichtet hat. Das entnehme ich einer Infotafel.

Festungs-Bauplan leerer Platz Festungs-Grundriß
Festungs-Bauplan und -Grundriß

Ich mache es mir zur Aufgabe, alle Festungsmauern abzugehen. Den nördlichen Teil hatte ich mir gestern schon angesehen, heute kommt der wesentlich umfangreichere südliche Teil dran. Die Festung besteht aus zwei Ringen. Durch den Fluß, der sie in mehreren Kanälen durchschneidet, ergeben sich einige tote Enden.

unpassierbarer Weg totes Ende

Totes Ende

Am südlichen Kanal entlang führt ein Radweg entlang zu einem Naturschutzgebiet. Ich gehe ihn bis zur Eisenbahnbrücke und kehre dann um.

Kunst-Kugel Festungs-Kanal

Festungs-Kanal

Festungs-Kanal Festungs-Kanal
Festungs-Kanal Festung
Entlang des südlichen Festungs-Kanals gelangt man zur Ostseite. Ein menschenleerer Ort.
Exerzierplatz Peschiera del Garda Hauptkanal Peschiera del Garda

Der Hauptkanal, heute voller Restaurants

Brücke Altstadt Peschiera del Garda

Die Altstadt von Peschiera del Garda, voller Souvenirläden.


  Peschiera del Garda

Mein Plan für heute war eigentlich, mir die Gustav Klimt Ausstellung in Malcesine anzusehen. Ich hatte schon die Verbindungen herausgesucht. Hin sollte es mit dem Bus und zurück mit der Fähre gehen. Dann überlege ich mir, daß ich das lange Gefahre eigentlich hasse und es viel schöner wäre, baden zu gehen. Ich habe früh um 9 Uhr am Gardasee freie Platzwahl. Wo es gestern Nachmittag rammelvoll war, ist heute noch niemand. Ich suche mir einen Platz auf einer Wiese unter Bäumen und genieße das warme Wasser. Ich muß sehr weit hinausschwimmen, bis ich wenigstens bis zur Hüfte im Wasser stehen kann.

Am Nachmittag teste ich den Pool des Hotels. Auch den habe ich lange für mich allein, weil das Hotel so wenig Gäste hat.

In Italien wird der Internetzugriff auf Share-Hoster blockiert. Verständlich, denn das Land gehörte lange einem Medien-Mogul, der natürlich an allen Medien mitverdienen wollte. Die Zensoren haben nicht den Arsch in der Hose, eine Seite zu zeigen wie "Hallo, hier ist Ihre Zensurbehörde. Sie dürfen das nicht sehen!", sondern sie lassen die Blockade wie einen technischen Fehler aussehen. Dazu schleusen sie ein gefälschtes Zertifikat in die Zertifikatskette der SSL-Verschlüsselung ein. Gegen einen technischen Fehler wird schon niemand auf die Barrikaden gehen.

Weil als Kollateralschaden der Hoster, bei dem ich meine Webseite sichere, ebenfalls geblockt wird, habe ich in Italien meistens ein VPN (Virtuelles Privates Netzwerk) laufen, um aus einem freien Land darauf zuzugreifen. Deshalb gab es heute eine Überraschung, daß www.atv.verona.it, die Webseite der örtlichen Verkehrsbetriebe, alle Aufrufe blockiert, die aus einem VPN kommen. Natürlich ebenfalls mit einer erlogenen Meldung: Zu viel Verkehr, probiere es später nochmal, blah, blah. Es kostet mich jedesmal Aufwand herauszufinden, was wirklich los ist.

gefälschtes Zertifikat Rapidgator Fehlermeldung ATV-Zugriff mit VPN
Internet-Blockaden in Italien. Rapidgator ist hier nur als Beispiel gewählt.   → Das Internet ist in Italien kaputt.

  Rückflug von Verona


Gardasee
Bei so einem Himmel fällt der Abschied leicht.

Der Plan für heute war, gut zu frühstücken, beim Lidl Wegzehrung für den langen Flug einzukaufen und entspannt zum Flughafen von Verona zu fahren. Dafür hatte ich mir Busse der Linien 483 und 482 herausgesucht. 483 sollte mich um 9:58 Uhr von San Benedetto nach Peschiera - Stazione Ferroviaria bringen (also zum Bahnhof) und 482 von dort um 10:38 Uhr zum Flughafen.

Weil ich im Lidl nicht lange brauche, laufe ich zum Bahnhof. Dort ist das Bus-Terminal komplett abgesperrt, zweihundert Menschen stehen vor dem Bahnhofsgebäude und dauernd kommen mehr dazu. Ich habe Angst, nicht mitzukommen, aber es stellt sich heraus, daß die alle nur zum Vergnügungspark Gardaland wollen. Bus um Bus werden sie nach da weggeschaufelt.

10:30 Uhr hält der völlig überfüllte Bus 483 vor dem Bahnhof, der eigentlich schon vor 25 Minuten ankommen sollte, läßt ein paar Leute aussteigen und fährt weiter. Ich bin froh, daß ich diesen Bus übersprungen habe. 10:32 kommt ein Bus ohne Zielangabe, dreht am Bahnhof und fährt, ohne zu halten, wieder zurück. Mir schwant nichts Gutes. Der Bus hält, wie auf dem Foto zu sehen, 200 Meter entfernt an einer temporären Haltestelle, die ich beim Hinweg übersehen hatte, stellt als Fahrtziel Verona Flughafen ein und fährt ohne mich davon. Woher ich das weiß? An der Haltestelle sitzt eine Deutsche, die mit dem 483 mitfahren wollte, der dort nicht gehalten hat.

Busabfahrt
Dort hält mein Bus. Rechts der abgesperrte Busbahnhof.

Der nächste Bus geht in einer Stunde. Weil ich nicht weiß, wo der halten wird, ist mir Busfahren zu heikel. Ich nehme stattdessen den Zug nach Verona und fahre von dort mit einem Flughafen-Shuttle, das teurer ist, aber häufiger fährt. Der Versuch, am Automaten an ein Zugticket zu kommen, schlägt fehl, weil der Automat beim Bezahlen keine Bezahlmethoden akzeptiert. Wußte der das nicht schon vorher? Ich verpasse leider den kurzen Moment, wo diese Fehlermeldung angezeigt wurde, um sie zu fotografieren, und habe auch keine Zeit mehr, um es nochmal zu versuchen. Am Schalter steht eine lange Schlange. Ich fahre schwarz. Niemand kontrolliert mich. In Verona nehme ich das Shuttle und der Rest läuft wie geplant. In München muß ich etwas Zeit auf dem Flughafen totschlagen und komme abends wohlbehalten in Dresden an.

Fazit: Wieder eine schöne Alpenüberquerung. Ich war die meiste Zeit sehr einsam unterwegs. Einige Male habe ich mir gewünscht, jemanden zu treffen, der meinen Weg geht und etwas drüber quatschen zu können. München-Venedig ist wirklich komplett was anderes. Dafür habe ich mit den Sarntaler Alpen und dem Monte Baldo wieder neue Gegenden kennengelernt. Langsam formen die verschiedenen Routen in meinem Kopf eine Karte der Alpen.